Show Less
Restricted access

Begehren, Angst – und nüchterne Vernunft: Epikureische Psychologie und Ethik nach griechisch-römischen Texten

Series:

Christoff Neumeister

Ausgewählte Passagen aus Texten griechischer und römischer Autoren führen die Grundgedanken der epikureischen Psychologie und Ethik vor. Deren zentrale Themen waren zum einen die verschiedenen Formen menschlichen Begehrens einschließlich des Sexuellen, zum anderen rationale und irrationale Ängste sowie der vernünftige Umgang mit ihnen. In diesem Zusammenhang entstand auch eine eigene Theorie der Wahrnehmung und Begriffsbildung, des Erkennens und des Handelns. Außerdem entstand eine detaillierte Rekonstruktion der Entwicklung, die die Menschheit in sozialer und technischer Hinsicht durchlaufen haben könnte. Dabei wurde der Herausbildung der menschlichen Sprachfähigkeit eine besonders wichtige Rolle zugewiesen. Das Buch möchte den Systemcharakter dieser Philosophie deutlich machen, soll aber auch der nichtfachlichen Leserschaft durch Neuübersetzungen einen Eindruck von der hohen literarischen Qualität der zum großen Teil dichterischen Quellentexte vermitteln.
Show Summary Details
Restricted access

7. Handlungsbestimmende Faktoren. Freier Wille

Extract

Im vorigen Kapitel wurde gezeigt, wie für Epikur ein Akt der Wahrnehmung nicht bloß ein passives Entgegennehmen von Sinnes- oder geistigen Reizen und von Lust- und Schmerzempfindungen ist, sondern dass der Geist hier aktiv mitwirkt, indem er die empfangenen Reize und Empfindungen mithilfe von interessegelenkten Vor-Begriffen filtert und ordnet. Für die Reaktionen des Menschen auf diese seine Wahrnehmungen, d.h. für sein daraus resultierendes Verhalten und Handeln, gilt das natürlich in einem noch viel höheren Grad. Die Gedanken und Handlungen, zu denen eine wahrgenommene Situation einen Menschen motiviert, ergeben sich in der Regel nämlich aus einem Zusammen- und Gegeneinanderwirken von grundsätzlich drei Faktoren: erstens natürlich aus der Situation selbst, so wie der Betreffende sie wahrnimmt und bewertet; zweitens aber auch aus seiner Persönlichkeit (charakterlichen Eigenart), und drittens aus dem, worauf in dieser Situation (oder auch unabhängig von ihr ganz allgemein und grundsätzlich) sein Wollen gerichtet ist. Und Letzteres ergibt sich keineswegs immer schon zwingend aus Situation und Charakter, sondern an ihm kann auch ein eigenständiger Freier Wille mitwirken und sich u.U. sogar gegen sie stellen. Im Folgenden soll nun anhand von ausgewählten Textpassagen aus Epikur und Lukrez vorgeführt werden, wie die Epikureer versucht haben, sich das Zusammenwirken dieser Faktoren bei der Herausbildung eines Verhaltens oder beim Entstehen einer Handlung vorzustellen und zu erklären.

Unser erster, allerdings nur fragmentarisch erhaltener Text beschäftigt sich mit der Frage, wie sich das Verhalten und Handeln einer Person...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.