Show Less

Interdisziplinäres Kolloquium zur Geschlechterforschung

Die Beiträge- Interdisziplinäre Dispute um Methoden der Geschlechterforschung

Series:

Edited By Ilse Nagelschmidt, Kristin Wojke and Britta Borrego

«Nun meine ich, dass es überhaupt nicht selbstverständlich ist, das Geschlechterverhältnis und damit auch die ‘Konstruktion von Geschlecht’ auf Identitätsfestschreibungen zurückzuführen. Oder nochmals anders ausgedrückt: Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, die Entstehung von Ungleichheit auf Prozesse der Vereigenschaftlichung resp. Verkörperung zurückzuführen, die Konstruktion von Geschlecht als Zuschreibung, ja, Geschlecht überhaupt als Identität zu denken. Ich möchte deshalb im Folgenden der Frage nachgehen, ob die allzu selbstverständliche Annahme, dass Geschlechtersegregation primär mit geschlechterstereotypisierenden Zuschreibungen erklärt werden kann, heute so noch stimmt. Meines Erachtens folgt diese Annahme, an der sich zunehmend die gesamte Geschlechterpolitik orientiert, jener kulturalistischen Verkürzung des Gender-Begriffs, der sich im Zuge des Cultural turns gegenwärtig in den Gender Studies des gesamten deutschsprachigen Raums etabliert.» Tove Soiland (in diesem Band)
In diesem zweiten Band der Leipziger Gender-Kritik-Reihe führt die Diskussion über die Konstruiertheit der Geschlechter interdisziplinäre Beiträge um theoretisch-methodische Fragen und pragmatische Zugänge der aktuellen Geschlechterforschung zusammen. Hier werden Referate aus Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaft versammelt, die am Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Leipzig (FraGes) anlässlich der jährlichen Kolloquien von 2007 bis 2009 gehalten wurden.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

Aristoteles − Vater der Zwangsheterosexualität?

Extract

Peter Heuer 1. Die zweigeschlechtliche Artform des Menschen Aristoteles vertritt einen ausdifferenzierten Essentialismus, auch in der Ge- schlechterfrage, d. h. er erarbeitet eine Ontologie – eine Begriffs- und Seinsord- nung –, welche die natürlichen Erscheinungen berücksichtigt und diese doch zu- gleich normiert. Nach Aristoteles treten höhere tierische Lebewesen (zoon), einschließlich des Menschen, als Vertreter natürlicher Arten auf. Natürliche Arten lassen sich defi- nieren als: Fortpflanzungsgemeinschaften, die durch die Vererbung einer Art- form und ihrer Verwirklichung in den Individuen die Konstanz von Lebensfor- men über die Generationen hinweg gewährleisten. Umgekehrt sind Lebewesen- Individuen zu verstehen als: durch Arten hervorgebrachte Organismen, welche im Laufe ihres Lebens eine typische Entwicklung nehmen und auf diese Weise mehr oder weniger vollkommen die Form ihrer Art verwirklichen. Individuen haben ein Streben danach, ihre Artform weiterzuvererben. Die Artform höherer tierischer Lebewesen einschließlich der des Menschen umfasst zwei Geschlech- ter, ein männliches und ein weibliches. Beide sind erforderlich, um die Artform über die Generationen hinweg zu erhalten133. Gewissermaßen sind die einzelnen Lebewesen, egal ob Männchen oder Weibchen, also Teil eines Paares. Die Ge- schlechter sind aufeinander bezogen und bleiben einzeln hinter der Möglichkeit der Art zurück. Unbenommen davon können Individuen jeweils als Männchen oder als Weibchen vollkommen sein. Androgyne Zwitter werden von Aristoteles als defekte Zwischenwesen beurteilt, da sie keines der beiden Geschlechter wirklich ausbilden, sondern stattdessen nur bestimmte Merkmale beider Ge- schlechter. In der Regel sind sie unfruchtbar134. 133 Formkonstanz wird, wie wir...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.