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Glitzernder Kies und Synagogengestein

Kindheit und Erinnerung in Else Lasker-Schülers Prosa

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Monika Lindinger

Else Lasker-Schüler (re-)konstruiert in ihrer Prosa zwei Gedächtnisräume: Die Zeit der Kindheit, in der die Gartenwege mit «glitzerndem Kies» bestreut waren, verbindet sich mit der jüdischen Tradition und verdichtet sich zu einem poetologischen Konzept. Die intertextuelle Auseinandersetzung mit dem deutschen wie mit dem jüdischen Teil dieses kulturellen Gedächtnisses erweitert die Erinnerungsräume um ihre historischen Kontexte, von der Akkulturationsproblematik des deutsch-jüdischen Bürgertums, dem die 1869 geborene Dichterin entstammte, bis hin zu ihrer Emigration 1933 in die Schweiz und 1939 nach Palästina. Aus dieser Konstellation eines Exils in Jerusalem, im jüdischen Denken ein begriffliches Paradoxon, erwächst dem Sehnsuchtsraum Kindheit Identität und Hoffnung stiftendes Potential.

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3. Der Orient: Poesie und Religion 49

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49 3. Der Orient: Poesie und Religion 3.1. Das poetische Morgenland Am Morgen des dritten Tages erblickte er von einer Anhöhe eine große Stadt. Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen schimmerten auf den Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich herzuwinken. Wilhelm Hauff „Meine Vorfahrengeschichten verlangen nach Morgenland.“ (KA 3.1, S. 242) So formuliert die Dichterin in den Briefen nach Norwegen (1911/1912) programmatisch für eine Gruppe von Texten, deren Figuren verschieden- artigste „Morgenländer“ sind und deren Handlung im Orient im weitesten Sinne angesiedelt ist. Zu dieser Gruppe gehören Die Nächte Tino von Bag- dads (1907), in deren Mittelpunkt „Tino, die Dichterin Arabiens“ steht, eine Reihe weiterer „orientalischer Maskengeschichten“,118 die gesammelt in dem „Geschichtenbuch“ Der Prinz von Theben (1914) erscheinen, und die „Kaisergeschichte“ Der Malik (1919), deren größter Teil, Briefe und Bilder, 1913 bis 1917 in diversen Zeitschriften publiziert wurde. In losem Zusam- menhang damit steht die Folge der Briefe nach Norwegen, in denen etliche für das Verständnis der orientalisierenden Texte poetologisch aufschlussrei- che Bemerkungen zu finden sind. Mit diesen nach Morgenland verlangenden Geschichten setzt die „Vorfahrenslust“119 der Ich-Figur ein. Hier beginnt sie mit der Konstruktion von Familienlegenden, die in ihrer Struktur immer auch um die Begriffe Kindheit und Erinnerung kreisen. Die Ich-Figur Tino von Bagdad bewegt sich in einem Kosmos von orientalischen Familienmitgliedern, zwischen dem Onkel Ached Bey, dem Kalifen von Bagdad120 und der weißbärtigen 118 Käte Hamburger stellt noch 1990...

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