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Nach London!

Der Modernisierungsprozess Englands in der literarischen Inszenierung von Georg Christoph Lichtenberg, Heinrich Heine und Theodor Fontane

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Robert Radu

England war im 18. und 19. Jahrhundert mehr als nur ein Königreich am Rande Europas: Es war das Land der «Industriellen Revolution», fortschrittlich im Technischen, vorbildlich im Politischen, mit einer Weltmetropole zur Hauptstadt. Für viele deutsche Intellektuelle verkörperte es daher nicht nur ein «Anderes», sondern die Zukunft der Moderne überhaupt. Diese Arbeit geht der Frage nach, wie die Englandreisenden Lichtenberg, Heine und Fontane die Umbrüche am Beginn der europäischen Moderne sprachlich inszenieren und reflektieren. Sie zeichnet dabei vor allem auch den nach der Französischen Revolution einsetzenden kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Wandel nach von einem anglophilen Fortschrittsoptimismus hin zu einer Kritik des englischen Weges in die Moderne und seiner, vor allem sozialen, Unkosten.

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IV. INDUSTRIALISIERUNG UND KAPITALISMUS 87

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87 IV. INDUSTRIALISIERUNG UND KAPITALISMUS 1. Produktion und Konsum Anfang Oktober 1775 unternimmt Lichtenberg eine Reise, die ihn durch das in- dustrielle Zentrum Englands führt und in Oxford, Birmingham und Bath Halt machen lässt. Wer die letzten beiden Orte nicht gesehen habe, schreibt er wenig später an seinen Intimfreund Johann Andreas Schernhagen, „darf kaum sagen, daß er in England gewesen ist.“184 Diese Priorisierung verweist bereits auf eine Veränderung in der Vorstellung dessen, was typisch für England sei. Nicht mehr die Hauptstadt London ist allein ausschlaggebend für das Urteil über England, sondern ebenso wichtig die Industriestadt Birmingham. Damit wird der engli- sche Industrialisierungsprozess als eminent wichtiger Bestandteil in das Englandbild des ausgehenden 18. Jahrhunderts integriert. Gerade der explizite Ausschluss Oxfords aus den besuchten Orten, die ein kohärentes Urteil über England zu fällen erlauben, zeigt diesen Wandel eindringlich: der Hort tradier- ten Wissens, den Oxford als Sitz der ältesten Universität Englands verkörpert, verblasst vor dem Faszinosum technischer Innovation in Birmingham, das als Chiffre der modernen industrialisierten Welt gelesen werden kann. Ihr gewalti- ger Eindruck auf Lichtenberg hallt noch in seinem nach der Reise verfassten Brief vom 16. Oktober 1775 nach: „Was ich auf dieser Tour gesehen habe, zu beschreiben, ist kaum für einen Brief. Ich führe nur an, daß ich Herrn Boltons berühmte Manufaktur oder ganzes System von Manufakturen zu Soho in Staffordshire bei Birmingham gesehen habe, wo täglich 700 Menschen Knöpfe, Uhrketten, Stahlschnallen, Degengefäße,...

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