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Logos und Wirklichkeit

Ein Beitrag zu einer Theorie des gesellschaftlichen Bewusstseins

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Thomas Metscher

Die Theorie des Bewusstseins ist Desiderat marxistischen Denkens. Trotz Ausarbeitungen in einzelnen Feldern liegt eine entwickelte Theorie des menschlich-gesellschaftlichen Bewusstseins, die dieses als Konkretum – Einheit von Tätigkeit und Vergegenständlichung – im Detail wie im Ganzen erfasst, in diesem Denken nicht vor. Ziel dieser Studie ist es, diesen Mangel ein Stück weit abzubauen. Bewusstsein in der hier vertretenen Auffassung ist Teil des geschichtlichen Ensembles gesellschaftlicher Verhältnisse. Seine Genesis liegt in der gegenständlichen Tätigkeit des Menschen. Es ist unmittelbar als Sprache gegeben, lebenspraktisch präsent als Bewusstsein des Alltags, konstitutiver Bestandteil menschlicher Arbeit. Es existiert in Gestalt eines welterschließenden elementaren Logos, der Bedingung menschlicher Reproduktion wie kultureller Weltbildung ist, als Erkennen, Wissen, Verstehen, in den Grundformen symbolischen und begrifflichen Denkens, den historischen Typen der Rationalität, den objektiven Formen von Religion, Mythos, Kunst, Wissenschaft und Philosophie. Als soziales Verhältnis und institutionelle Realität hat es den Charakter von Ideologie. Es besitzt eine fundamental konstitutive Funktion im Prozess der Zivilisation – es ist Baumeister menschlicher Welt. Bewusstsein in diesem umfassenden Sinn ist der Gegenstand des Buches. Es sucht Bewusstsein als gesellschaftliches Konkretum auf und erkundet den dafür erforderlichen Apparat kategorialer Bestimmungen. Mit diesem Programm bewegt es sich außerhalb des Terrains heute dominanter Bewusstseinstheorien wie auch überkommener Auffassungen marxistischen Denkens. Es erkundet theoretisches Neuland.

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Zweiter Teil. Der Logos im Wirklichen: Zu einer Ontologie des gesellschaftlichen Bewusstseins

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. A. Wirklichkeit. Aspekte ihres dialektischen Begriffs I. Materialismus alt und neu 1. Der Grundgedanke des philosophischen Materialismus Grundlage allen Materialismus - seit der vorsokratischen Naturphilosophie - ist die Annahme einer vom menschlichen Denken und Handeln unabhängigen, ge- setzmäßig verfaßten Wirklichkeit (‚Kosmos‘, ‚Physis‘, ‚Natur‘), der der Mensch, kraft seiner eigenen Natur, untrennbar angehört. Dem materiellen Sein (der 'Natur') kommt dabei, im Verhältnis zum geistigen, ein genetisches und lo- gisches Primat zu; so zwar, daß das materielle Sein (als ‚Natur‘) kein absoluter Gegensatz zum geistigen ist, sondern vielmehr ein Umgreifendes bildet, das das geistige Sein in sich einschließt. In diesem Sinn ist Geistiges ist gegenüber dem Materiellen sekundär, Materialismus die Position, die in der Materie oder Natur das im ontologischen Sinn Erste und Ursprüngliche anerkennt. Menschliche Welt - Geschichte, Gesellschaft, Individualität - partizipiert an der umfassenden Naturwirklichkeit: „this tangible planet which is our habitat“ (Craig 1987,140). „Stephen Dedalus/Class of elements/Clongoves Wood College/Sallins/County Kildare/Ireland/Europe/The World/The Universe“ so lautet nach James Joyce die metaphysische Adresse des Menschen (A Portrait of the Artist as a Young Man). Menschliches Sein ist nichts von der Natur Getrenntes, sondern Form des diesseitigen, natürlichen Seins. Menschliches Leben, Leiden, Kämpfen und Glück hat in ihm, und nirgendwo sonst, seinen Ort. Die Existenzannahme einer kohärenten, an sich seienden materiellen Wirk- lichkeit wird heute von der Mehrzahl der Spielarten herrschender Philosophie - den herrschenden Gedanken der Zeit insgesamt - bestritten. Gleichwohl kann materialistisches Denken auch gegenwärtig...

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