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Das Unsagbare erzählen: J. M. Coetzees ästhetische Strategien zur Darstellung von Gewalt

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Susanne Kern

Nicht nur in den Medien, auch in der Literatur ist eine Tendenz zu beobachten, Grausamkeiten in immer schonungsloserer Direktheit und Detailliertheit darzustellen. Die Romane des südafrikanischen Nobelpreisträgers J. M. Coetzee widersetzen sich dieser Tendenz, indem sie Gewalt als Unsagbares präsentieren, d. h. als etwas, das sich der diskursiven wie instrumentellen Aneignung durch Sprache entzieht. Das Unsagbare wird überall dort manifest, wo die Texte offen bleiben, wo sie Ambiguitäten, Unbestimmtheiten, Widersprüche oder Leerstellen erzeugen. Hierzu bedient sich der Autor einer Vielzahl ästhetischer Strategien. Betrachtet werden jene sechs Romane, die Coetzee während der Apartheid geschrieben hat.

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Einleitung 11

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11 Einleitung Das Problem der Darstellung von Gewalt ist aktueller denn je. Nicht nur in den Medien, auch in der Literatur ist eine Tendenz zu beobachten, Grausamkeiten in immer schonungsloserer Direktheit und Detailliertheit darzustellen. Was vor weni- gen Jahrzehnten noch schockiert hätte, wird heute ebenso hemmungslos erzählt wie konsumiert. Bezüglich der Darstellung von Gewalt steht die Literatur vor demsel- ben Problem wie andere Medien auch, nämlich dass sie damit die Lust des Lesers am Grauen bedient.1 Dass in uns allen ein Verlangen nach dem Anblick von Grau- envollem und Schrecklichem vorhanden ist, ist schon seit der Antike allseits bekannt.2 Wenn Literatur von Gewalt erzählt, befriedigt sie das Bedürfnis, etwas miterleben zu können, was wir nicht am eigenen Leib erfahren wollen.3 Das Spiel mit der Lust am Grauen wirft allerdings sowohl ethische als auch ästhetische Fragen auf. Die Frage, wie etwas Grausames dargestellt wird, ist sowohl abhängig von der Textsorte als auch der Absicht des Autors. So gelten beispielsweise für eine Autobiographie andere Regeln als für einen Roman. Lau- ra Tanner weist in diesem Zusammenhang auf ein grundsätzliches Problem jeder Repräsentation von Gewalt hin: „The seductive power of representation lies, at least in part, in its ability to naturalize its own conclusions, to obscure its mani- 1 Dies gilt in besonderem Maße für einschlägige Genres wie der Horrorliteratur, dem Kriminalroman oder dem Thriller, doch auch für jeden Text, der von Gewalt erzählt. 2 Schon...

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