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Das Unsagbare erzählen: J. M. Coetzees ästhetische Strategien zur Darstellung von Gewalt

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Susanne Kern

Nicht nur in den Medien, auch in der Literatur ist eine Tendenz zu beobachten, Grausamkeiten in immer schonungsloserer Direktheit und Detailliertheit darzustellen. Die Romane des südafrikanischen Nobelpreisträgers J. M. Coetzee widersetzen sich dieser Tendenz, indem sie Gewalt als Unsagbares präsentieren, d. h. als etwas, das sich der diskursiven wie instrumentellen Aneignung durch Sprache entzieht. Das Unsagbare wird überall dort manifest, wo die Texte offen bleiben, wo sie Ambiguitäten, Unbestimmtheiten, Widersprüche oder Leerstellen erzeugen. Hierzu bedient sich der Autor einer Vielzahl ästhetischer Strategien. Betrachtet werden jene sechs Romane, die Coetzee während der Apartheid geschrieben hat.

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1. Age of Iron: Die Schrecken der Medusa: der Sprachlosigkeit Worte verleihen 33

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33 1. Age of Iron: Die Schrecken der Medusa: der Sprachlosigkeit Worte verleihen „I tell you this story […] so that you will learn how things are“ (AI, 95), erklärt die Protagonistin Mrs Curren ihrer in Amerika lebenden Tochter, nachdem sie zum ersten Mal persönlich Zeugin der Schrecken der Apartheid geworden ist. In einem langen Brief berichtet sie, wie sie in einen Strudel von Gewalt und Terror hineingezogen wird. Mit diesem Roman siedelt Coetzee zum ersten Mal eine Geschichte explizit im Südafrika der Gegenwart an, genauer gesagt, in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, einer Zeit also, in der sich der Rassenkonflikt massiv verschärft. Schwarze Schüler boykottieren Schulen, beginnen sich erstmals zu organisieren und mi- schen sich aktiv in den Kampf gegen die Apartheid ein. Im Zusammenhang mit den Unruhen werden nun auch Kinder und Jugendliche verhaftet, gefoltert und getötet. Polizei und Sicherheitskräfte versuchen den Widerstand dadurch zu brechen, dass sie die Differenzen zwischen den verschiedenen schwarzen Gruppie- rungen schüren. Crossroads, eine Barackensiedlung in der Nähe von Kapstadt, wird 1986 Schauplatz dieser Auseinandersetzungen, die in Age of Iron eine zentrale Rolle spielen. Dass den Leser hier Schreckliches erwartet, deutet schon der Titel des Romans an. Der griechischen Mythologie zufolge ist das vierte, das eiserne Zeitalter („the age of iron“), geprägt von Gewalt, Korruption und Elend. Passend hierzu zeichnet Coetzee in diesem Roman ein apokalyptisches Bild von einem Südafrika, das in einem Blutbad versinkt.45 Unmittelbar zu Beginn des Romans erf...

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