Show Less

Mit-Leiden Gottes

Ein vergessener Aspekt des biblischen Gottesbildes- Wiedergewinnung eines durch das Eindringen griechisch-metaphysischen Denkens in die frühe Kirche verstellten Aspektes biblischer Gottesoffenbarung an Hand ihres entsprechenden dialogischen Seinsverstä

Helga Kasan

Gott könne nicht leiden, war die selbstverständliche Implikation der Gottesvorstellung der frühen Kirche, die im Grunde bis heute nicht völlig überwunden scheint. Wurzel dieser Sicht ist jedoch nicht die Heilige Schrift, vielmehr resultiert sie aus dem Bemühen, das Christliche im Denkhorizont des griechischen Seinsverständnisses zu artikulieren, wobei unreflektiert dessen metaphysische Folgerung übernommen wurde: der sich selbst genügende, apathische, von dieser Welt unberührbare unbewegte Beweger (Aristoteles). Daß dabei ein, ja vielleicht der wesentliche Aspekt des biblischen Gottesbildes verdrängt wurde, das aufzuzeigen ist Anliegen dieser Arbeit. Der Gott beider Testamente ist demgegenüber der sich um den Menschen und die Welt Kümmernde, sich ihrer Annehmende, ja vom Leid in ihr zuerst Betroffene und also Mit-Leidende. Dieser Gedanke prägt schon die rabbinische Religiosität, leuchtet in der Mystik auf und tritt seit dem Aufbrechen des dialogischen Seinsverständnisses im 20. Jahrhundert wieder ins Blickfeld (Heschel, Bonhoeffer, Moltmann). Leid bräuchte nicht der Fels des Atheismus zu sein, würde Gott, wie er sich im Alten und dann vor allem im Neuen Bund bezeugt hat, als der Mit-Leidende und damit Tröstende ernst genommen.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

II. DIE FRAGE NACH DEM GRUND 25

Extract

25 II. DIE FRAGE NACH DEM GRUND Von woher ist alles, fragt der Mensch. Und in eins damit: Wozu ist es überhaupt? Damit ist das Absolute dem Denken von jeher aufgegeben. Was läßt sich nun vom Denken her – unter Absehung der Offenbarungs-Vor-Gabe (des Glaubens) – aus- machen in bezug auf den Charakter des Absoluten? Gibt es einen ‚Gottesbegriff‘ der Philosophie? Was kann ‚natürliche Theologie‘ als philosophische, d. i. der Wahrheit verpflichtete, Rede von Gott aussagen? Dazu soll der Blick zunächst auf die Konzeption des klassischen griechischen metaphysischen Bemühens gerichtet werden. 1. Die Frage nach dem Grund auf dem Hintergrund des klassischen griechischen Seinsverständnisses PLATON (427-347) Es ist Platon, der als erster das Wort ‚Theologie‘ (θεολογία)4 gebraucht. Was kann demnach der Mensch in bezug auf das Absolute, auf Gott, wissen? Einen zweifachen ‚Ausgang‘ nimmt Platons Denken im Aufweisen des wahrhaft Seienden. Der eine ist die Erfahrung des Schönen, des Guten, des Gerechten, Frommen u. ä. Was wird in ihr sichtbar? Woher stammt sie? Wie geartet ist diese Erfahrung? Die Erfahrung mache ich am einzelnen Seienden als solchem. Dieses ist ein schönes. Wie aber komme ich zu dieser ‚Erkenntnis‘? Ist ‚schön‘ mit den Sinnen wahrnehmbar? Welches ‚Sinnesorgan‘ wäre dann dafür zuständig? Wenn es der Gesichtssinn wäre: Welche Farb- bzw. Hell-Dunkel-Empfindungen sind es dann? Könnte sich je aus der Wahrnehmung einzelner Seiender durch Abstraktion die Erfahrung von ‚schön‘ erst bilden, zumal wenn dafür entsprechende Sinnesemp- findungsqualitäten fehlen? Es zeigt...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.