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Der halbierte Dichter? - «Hohe Poesie» und profane Welt

Wandlungen einer literarischen Konzeption bei Friedrich Gottlieb Klopstock

Helmut Pape

Im allgemeinen literarischen Bewusstsein liegt die eigentlich produktive Phase des Dichters Klopstock in seiner ersten Lebenshälfte, repräsentiert durch das Messias-Epos und einige Oden im Stile der neu konzipierten spirituellen hohen Poesie. Der andere Klopstock, jener der zweiten Schaffenszeit, gilt vielfach als inkommensurabel, als abwegig oder so gut wie nicht existent. Das betrifft vor allem den Verfasser gesellschaftskritischer, pragmatisch-profaner Texte. Das Prosawerk Die Deutsche Gelehrtenrepublik sowie die Oden und Schriften, die Klopstock, der spätere citoyen français, anlässlich der Französischen Revolution verfasst hat, gehören in diesen Zusammenhang. Beide Bereiche, der des sogenannten heiligen Dichters sowie des patriotischen, politikkritischen, rhetorischen Autors können nicht isoliert gesehen werden. Sie stehen gleichrangig in teils korrespondierender, teils kontroverser Wechselbeziehung.

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EINLEITUNG

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Klopstock und sein problematisches Nachleben, ein rezeptionsgeschichtliches Kuriosum: – Lessings rhetorischer Affront – Verschmähtes Dichter–Ich oder „Rückkehr des Autors“? Man hat man sich offensichtlich damit abgefunden, dass Klopstock wie kaum ein anderer Dichter im literarischen Bewusstsein der Gegenwart bestenfalls die Rolle einer längst verblassten historischen Randerscheinung einnimmt. Die vermeintliche Antiquiertheit seines Werkes führte im Laufe der Zeit zu dieser fast als selbstverständlich empfundenen Distanzierung, trotz seiner unbestritte- nen Verdienste um die Entwicklung der „klassischen“ Literaturepoche. Klopstocks Werk ist vor allem präsent in einer hoch spezialisierten Wissen- schaftswelt, nicht jedoch in jenen Kreisen der Leserschaft, die eigentlich den di- rekten Umgang mit dem dichterischen Wort sucht, das ursprünglich und aus- schließlich an ihre Adresse gerichtet ist. Dieses eigentümliche Verhältnis von wissenschaftlichem Engagement und Leserinteresse könnte den französischen Literaturwissenschaftler Robert Guiette zu der Bemerkung veranlasst haben, dass Philologen in höchstem Grade glauben, Literatur sei primär für Philologen geschaffen.1 Die Tatsache, dass fast alle Autoren der „klassischen Epoche“ kein Lespublikum im eigentlichen Sinne mehr finden, ist zunächst als ein Prozess zu bewerten, der jeder geschichtlichen Überlieferung mehr oder weniger eignet.2 Erstaunlich ist nur, dass gerade Klopstock aus diesem Rahmen ganz normaler Historizität auf eine fast spektakuläre Weise heraus fällt und zwar so, als sei es fast eine Zumutung, sich als Leser mit ihm näher zu befassen. Kein anderer Autor seiner Zeit stößt beim gegenwärtigen Lesepublikum auf eine derartige Zu- rückhaltung, die...

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