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Der halbierte Dichter? - «Hohe Poesie» und profane Welt

Wandlungen einer literarischen Konzeption bei Friedrich Gottlieb Klopstock

Helmut Pape

Im allgemeinen literarischen Bewusstsein liegt die eigentlich produktive Phase des Dichters Klopstock in seiner ersten Lebenshälfte, repräsentiert durch das Messias-Epos und einige Oden im Stile der neu konzipierten spirituellen hohen Poesie. Der andere Klopstock, jener der zweiten Schaffenszeit, gilt vielfach als inkommensurabel, als abwegig oder so gut wie nicht existent. Das betrifft vor allem den Verfasser gesellschaftskritischer, pragmatisch-profaner Texte. Das Prosawerk Die Deutsche Gelehrtenrepublik sowie die Oden und Schriften, die Klopstock, der spätere citoyen français, anlässlich der Französischen Revolution verfasst hat, gehören in diesen Zusammenhang. Beide Bereiche, der des sogenannten heiligen Dichters sowie des patriotischen, politikkritischen, rhetorischen Autors können nicht isoliert gesehen werden. Sie stehen gleichrangig in teils korrespondierender, teils kontroverser Wechselbeziehung.

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1 Herkunft: Faktizität und Effiziens

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Ein Blick auf das geographische und familiäre Herkommen Klopstocks (1724– 1803) könnte die Distanz zu dieser klassisch überhöhten Dichterfigur vielleicht etwas reduzieren und auf eine reale Grundlage stellen.27 „Ich bin Bürger von Quedlingburg; denn da bin ich gebohren.“ Selbstbewusst, fast provokant klingt dieses Bekenntnis des Einundsiebzigjährigen, der sich nicht primär als Deut- scher empfindet, auch nicht als Angehöriger irgendeines deutschen Territorial- staates, sondern eben als Quedlinburger, das heißt als Bürger der traditionsrei- chen deutschen Kaiserstadt im östlichen Teil des Harzes. Dieses elitäre Be- wusstsein hat er ein Leben lang bewahrt.28 Sein Vater Gottlieb Heinrich Klopstock (1698–1756) konnte sich aufgrund seines ererbten Besitztums und Vermögens als Inhaber einflussreicher berufli- cher Positionen, unter anderem als Sekretär und Advokat am Quedlinburger Stift, zu den wohlhabendsten und renommiertesten Bürgern der Stadt zählen. 1723 heiratete er Anna Maria geb. Schmidt, Tochter aus einer gut situierten Kaufmannsfamilie aus Langensalza. Die ersten Bildungseinflüsse Friedrich Gottliebs wurden wesentlich be- stimmt durch die Vermittlung einer christlichen Religiosität, die nicht nur Aus- druck einer bestimmten Glaubensrichtung war, sondern als gelebte, verinner- lichte religio die gesamte menschliche Existenz umfasste. Ein anderer funda- mentaler Erfahrungsbereich des jungen Klopstock war in hohem Maße die Familie. In dem Zeitraum von 1724 bis 1746 wurden 17 Geschwister geboren, wovon nur elf das Erwachsenenalter erreichten, – ein Familienschicksal, das aus den bekannten Gründen in damaliger Zeit fast zur Normalität gehörte. Der Dichter sah sich später...

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