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Die Ästhetik des Stillstands

Anti-Entwicklungstexte im Literaturunterricht

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Markus Schwahl

Der Entschluss zum biographischen Stillstand ist ein literarischer Topos, der in Texten der Klassischen Moderne, aber auch in postmoderner Gegenwartsliteratur zu finden ist. Entwicklungsverweigerer wie Peter Pan oder Oskar Matzerath sind zu Ikonen der Literatur- und Filmgeschichte avanciert. Diese Studie formuliert wesentliche Gattungskriterien der Anti-Entwicklungsliteratur und entwirft eine Typologie der Verweigerung, indem sie die individuellen Motive der literarischen Entwicklungsverweigerer mit den gesellschaftlichen und ästhetischen Konzepten ihrer Entstehungszeit verknüpft. Der entwicklungspsychologische und literaturwissenschaftliche Ansatz der Studie wird ergänzt durch didaktische Überlegungen, die einem kompetenzorientierten und schülerzentrierten Unterricht verpflichtet sind. Methodische Hinweise, Unterrichtsprotokolle, Aufsatzbeispiele sowie ein umfangreicher Materialteil ermöglichen eine direkte Umsetzung des Modells im Literaturunterricht der Sekundarstufe II.

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Vorwort 3

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3 Vorwort Als Pädagoge ist man ständiger Beobachter und freundlich-kritischer Begleiter von komplexen Entwicklungsphasen und rasanten Wachstumsschüben. Immer wieder sind Lehrerinnen und Lehrer auch Zeugen einer Verweigerungshaltung ihrer Schüler: Das können nur die sabotierten Hausaufgaben sein, in schwierigen Fällen aber auch gravie- rende Entwicklungskrisen, aus denen eine Schülerin oder ein Schüler durch eigene Kraft nicht mehr herausfindet. In den allermeisten Fällen jedoch sind krisenhafte Ent- wicklungssituationen eine Phase der Klärung, der Orientierung, des Suchens und Ent- scheidens, auf die dann nicht selten ein umso gewaltigerer Entwicklungsschritt des Heranwachsenden folgt. Anders stellt sich das Phänomen der Entwicklungsverweigerung in jenen literarischen Texten dar, die im Folgenden als Anti-Entwicklungsliteratur bezeichnet und als eine eigene literarische Gattung behandelt werden sollen. In den Erzählungen und Roma- nen von James M. Barrie, Robert Walser, Günter Grass, Patrick Süskind und Jenny Erpenbeck wird der biographische Stillstand zur dauerhaften Lebensform erklärt. Durch die Radikalität der Verweigerungshaltung gewinnt der Verzicht auf Entwick- lung, Wachstum und Fortschritt über den entwicklungspsychologischen Aspekt hinaus ein metaphorisches Potential, dem im vorliegenden Unterrichtsmodell nachgespürt werden soll. Die bedingungslose Verweigerungshaltung der literarischen Stillstandsfiguren übt auf Schülerinnen und Schüler eine anziehende, oft auch eine irritierende Wirkung aus: Den Impuls zum Nein-Sagen, zum Widerstand und Rückzug kennen die Jugendlichen aus eigener Erfahrung; gefolgt sind sie ihm – wenn überhaupt – dann doch nur vorü- bergehend. Als Lebenseinstellung befremdet die Anti-Entwicklungshaltung, als Meta- pher ist sie faszinierend. Die „Ästhetik...

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