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Hans-Georg Gadamer als Platon-Interpret: Die Musik

Aus dem Italienischen übersetzt von Leonie Schröder

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Mariannina Failla

«Fangen die Engel/wirklich nur Ihriges auf/ihnen Entströmtes,/oder ist manchmal, wie aus Versehen, ein wenig/unseres Wesens dabei? Sind wir in ihre/Züge soviel nur gemischt wie das Vage in die Gesichter/schwangerer Frauen?» Diese Verse aus der zweiten Elegie von Rainer Maria Rilke benennen den philosophischen Kern dieses Buches: die Beziehung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit in Hans-Georg Gadamers Denken. Die Musik erscheint als ungewöhnlicher, aber unverzichtbarer Führer, um die Wege der Dialektik von Logos/Sprache und der Beziehung zwischen dem Schönen und Guten nachzuvollziehen, die für Gadamers Humanismus kennzeichnend sind.

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Drittes Kapitel: Musik, Dialektik, die neuplatonischen und humanistischen Lösungen: Gadamers Nähe und Distanz 103

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103 Drittes Kapitel Musik, Dialektik, die neuplatonischen und humanistischen Lösungen: Gadamers Nähe und Distanz 1. Die Distanz gegenüber Plotin Während Gadamers Bildungsjahren stellte die Auseinandersetzung mit dem Mystizismus plotinschen Ursprungs den Hintergrund der Marburger Schule dar, die nach dem Weggang Hermann Cohens aus Marburg nun- mehr in der Auflösung begriffen war. Im Übrigen fiel Gadamers Begeg- nung mit Paul Natorp in die Spätphase von dessen Denken, und Gadamer bemerkte an ihm ein lange unterdrücktes Bedürfnis, sich der Musik und der Mystik zuzuwenden.181 Gleichzeitig bildete sich der junge Marburger Philosoph jedoch in der Schule von Paul Friedländer, einem der über- zeugtesten Gegner des plotinschen Mystizismus, heran. Von zentraler Bedeutung ist diesbezüglich das Kapitel von dessen Platon mit dem Titel Arrethòn (unsagbar), ein Titel mit unverkennbar mystischem Anklang. Inhaltlich dreht sich das Kapitel jedoch um die Interpretation des platoni- schen Guten als epekeina, als das, was jenseits liegt, und hebt den Unter- schied der Philosophie Platons zu den mystischen Entwicklungen bei Plo- tin nachdrücklich hervor. Obwohl Platon bei der Behandlung des Guten als epekeina einige Mysterien-Motive der Volksreligion aufgreife, führe er uns sogleich in die paradoxe Spannung zwischen oi logoi und ton ar- rethon, das heißt zwischen den Reden, Definitionen, der Sprache und Wissenschaft und dem Unsagbaren, Unfassbaren ein. Diese Spannung gehe nie in ein System über, sondern bleibe offen und lebendig; das Para- dox werde nicht aufgelöst, es verwandele sich nicht, wie bei Plotin, in die...

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