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Idylle und Tragik im Spätwerk Goethes

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Annette Schneider

Die vorliegende Untersuchung zeigt, daß die Konstellation von Idylle und Tragik nicht nur als Schlüssel für die strukturgesetzliche Eigenart des goetheschen Spätwerks dient, sondern darüberhinaus seinen literaturgeschichtlichen Ort zu kennzeichnen vermag. Die beiden einleitenden Kapitel erstellen durch einen knappen Überblick über die geschichtlichen Wandlungen des Idyllischen und Tragischen die historisch-poetologischen Voraussetzungen, um die spezifische Art ihrer Verschränkung im goetheschen Spätwerk prägnant hervortreten zu lassen. Dessen Analyse bildet den Schwerpunkt der Untersuchung, die, neben den lyrischen Einzelzyklen, den Modifikationen des Idyllischen und Tragischen in drei, jeweils eine Gattung repräsentierenden, Werken nachgeht: dem Roman «Die Wahlverwandtschaften», der Lyrik des «West-östlichen Divan» und der «Faust-II»-Tragödie. Dabei stehen «Divan» und «Faust» komplementär zueinander: Während jener als Idylle im Zentrum das Tragische birgt, ist es in der Faust-Tragödie die Idylle, die die Schnittstellen der dramatischen Struktur, Krisis und Verwandlung, markiert. «Die Wahlverwandtschaften» nehmen eine Sonderposition ein: in ihnen wird die Idylle, Arkadien, als immer wieder verfehlte Intention in ihrer Abwesenheit thematisch.

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EINLEITUNG 3

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EINLEITUNG »Das allgemeine Leben würde auch ohne Hölderlin und ohne Goethe weitergehen – man würde ihr Fehlen gar nicht bemerken. Aber die Philologen glauben, daß die Kunst zu den wenigen großen Dingen gehöre, durch die das Leben wertvoll sei. Sie wollen die Dichtung lebendig halten durch ihr Verstehen. Und ein Hilfsmittel bei diesem Bestreben ist die Inter- pretation.«1 Es mag gewagt erscheinen, der immer weiter ausufernden Sekundärliteratur heute noch einen weiteren Beitrag zum Werk Goethes hinzuzufügen. Dennoch rechtfertigt sich die vorliegende Untersuchung zum einen, insofern die Konstel- lation von Idylle und Tragik im Spätwerk Goethes, soweit ich es überblicken konnte, noch keine eingehendere Analyse fand, zum andern, da eben dieser Konstellation eine Schlüsselbedeutung zukommt, um die inhaltliche und formale Eigenart, ja Singularität des goetheschen Spätwerks zu erhellen. Die beiden einleitenden Kapitel, die einen knappen Überblick über die geschichtlichen Wandlungen der Idylle und Tragödie bieten, erstellen die histo- risch-poetologischen Voraussetzungen, um die spezifische Art der Verschrän- kung des Idyllischen und Tragischen im goetheschen Spätwerk prägnant hervor- treten zu lassen. Als entscheidende geschichtliche Stationen auf diesem Weg erweisen sich einerseits das Vorbild Shakespeares, andererseits das europäische Pastoraldrama in der Nachfolge von Tassos »Aminta« (1573). Die Orientierung an Shakespeare führt zu einer Innenführung bzw. Psychologisierung des Tragischen, das in der Konvergenz der tragischen Charaktere zum Künstlertypus seine äußerste Zu- spitzung erfährt. Hiermit verbindet sich eine Öffnung der Gattungsgrenzen ge- geneinander: die Trag...

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