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Idylle und Tragik im Spätwerk Goethes

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Annette Schneider

Die vorliegende Untersuchung zeigt, daß die Konstellation von Idylle und Tragik nicht nur als Schlüssel für die strukturgesetzliche Eigenart des goetheschen Spätwerks dient, sondern darüberhinaus seinen literaturgeschichtlichen Ort zu kennzeichnen vermag. Die beiden einleitenden Kapitel erstellen durch einen knappen Überblick über die geschichtlichen Wandlungen des Idyllischen und Tragischen die historisch-poetologischen Voraussetzungen, um die spezifische Art ihrer Verschränkung im goetheschen Spätwerk prägnant hervortreten zu lassen. Dessen Analyse bildet den Schwerpunkt der Untersuchung, die, neben den lyrischen Einzelzyklen, den Modifikationen des Idyllischen und Tragischen in drei, jeweils eine Gattung repräsentierenden, Werken nachgeht: dem Roman «Die Wahlverwandtschaften», der Lyrik des «West-östlichen Divan» und der «Faust-II»-Tragödie. Dabei stehen «Divan» und «Faust» komplementär zueinander: Während jener als Idylle im Zentrum das Tragische birgt, ist es in der Faust-Tragödie die Idylle, die die Schnittstellen der dramatischen Struktur, Krisis und Verwandlung, markiert. «Die Wahlverwandtschaften» nehmen eine Sonderposition ein: in ihnen wird die Idylle, Arkadien, als immer wieder verfehlte Intention in ihrer Abwesenheit thematisch.

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6 IDYLLE IN «FAUST II«

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6 IDYLLE IN »FAUST II« 6.1 IDYLLE UND TRAGIK IN »FAUST II« 6.1.1 »Faust II« eine Tragödie? »Der Tragödie Zweiter Theil«, so lautet der Untertitel der Dichtung, deren Ent- stehung sich über 60 Jahre erstreckte. Daß es sich um eine »Tragödie« handelt, ist bereits eine Entscheidung, die Konsequenzen in bezug auf die Behandlung des »Stoffes«, der alten Faustsage bzw. -legende, einschließt. Denn der Begriff der »Tragödie« umfaßte, wie wir skizzierten, in seiner aristotelischen Prägung und deren Rezeption bestimmte formale und inhaltliche Merkmale. Sicher ›rekurriert‹ »Faust II« als »Tragödie« auf die aristotelische Tragödien-›Theorie‹. Darüberhinaus aber stellten wir fest, in welch eigenwilliger Weise Goethe als Dichter sich diese Tradition angeeignet bzw. sie umgeformt hat. Die Beantwor- tung der Frage, was die Gattungsbezeichnung der »Tragödie« im konkreten Fall dieser Dichtung beinhaltet, hat vor allem von der Differenz auszugehen, in der die Tragödie »Faust II« vor dem Hintergrund der aristotelischen Tragödiendefi- nition erscheint. Diese Differenz zu interpretieren, erfordert jedoch zunächst eine Interpretation bzw. zumindest den Ansatz einer Erhellung der Eigenart die- ser Dichtung als eines der wohl schwierigsten, hermetischsten Zeugnisse ihrer Zeit. Wir werden daher die Beantwortung der Frage am Ende noch einmal auf- greifen. Unter den drei ersten (von insgesamt sechs) Kriterien: 1. des »Mythos«, d. h. im Kontext der aristotelischen Poetik: der Fabel, des Handlungsaufbaus; 2. des tragischen Charakters; 3. der formalen Mittel findet keine ihrer aristoteli- schen Bestimmungen im »Faust II« Anwendung. Die tragische Handlung sollte...

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