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«Wir lebten mitten im Tod.»

Das «Sonderkommando» in Auschwitz in schriftlichen und mündlichen Häftlingserinnerungen

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Sonja Knopp

Wer kann uns von der Shoah an ihrem dichtesten Punkt, den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau, berichten und ein Bild darüber vermitteln, wie Millionen Menschen starben? Die Häftlinge des «Sonderkommandos» arbeiteten in den Gaskammern und Krematorien von Auschwitz-Birkenau, wo sie hunderttausende Leichen aus den Gaskammern räumten und verbrannten. Tagebücher und spätere Interviewaussagen ehemaliger Häftlinge bieten Einblicke in das Leben und Überleben im Kern der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Die Untersuchung zeigt, wie sich die Lebens- und Handlungsbedingungen im Lager auf die Mitglieder des «Sonderkommandos» auswirkten. Dabei zeichnen die Zeugnisse ein Bild zersetzender Ohnmacht und Überzähligkeit, verdeutlichen aber auch Überlebensstrategien einzelner Häftlinge.

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A EINLEITUNG 1

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1 „Mein Brief geht zu Ende, meine Stunden desgleichen, also richte ich mein unwiderruflich letztes Lebewohl an Euch; für immer, es ist der letzte Gruß, ich umarme Euch sehr innig zum letzten Mal und bitte Euch noch einmal, mir zu glauben, daß ich leicht von hinnen gehe, da ich Euch am Leben weiß und unseren Feind verlo- ren. Es ist sogar möglich, daß Ihr durch die Geschichte des ‚Sonderkommandos’ den genauen Tag meines En- des erfahrt, ich befinde mich in der letzten Mannschaft von 204 Personen, man liquidiert gerade das Kremato- rium II, wo ich in höchster Anspannung warte, und man spricht von unserer eigenen Liquidierung im Verlaufe dieser Woche.“ (Chaim Herman, 1944) A EINLEITUNG Ein seitenverkehrt gebundener Buchdeckel führte dazu, dass niemand den für immer Kopf stehenden Band „Gray Zones“ von Jonathan Petropoulos und John K. Roth1 eingesteckt hatte, als er in einem Karton mit der Aufschrift „zu ver- schenken“ im Bibliotheksraum der VSWG im Historischen Seminar in Bonn der Verfasserin vorliegender Untersuchung in die Hände fiel. Sein Untertitel lautet „Ambiguity and Compromise in the Holocaust and Its Aftermath“. Mit „Grauzo- nen“ sind im Zusammenhang mit der Erforschung der Shoah einerseits zahlreiche Fälle ungeklärter Wechselseitigkeit von „Täter- und Opferrolle“ gemeint: Men- schen oder Vorgänge, die nicht eindeutig einer Rolle zugeordnet werden können. Im Kontext der nationalsozialistischen Konzentrationslager rücken diesbezüglich beispielsweise die Funktionshäftlinge in den Fokus der Betrachtung. Sie waren Häftlinge einerseits, andererseits gegenüber...

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