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Geschichte und Funktion von Abbildungen in lateinischen Lehrbüchern

Ein Beitrag zur Geschichte des textbezogenen Bildes

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Karl-Heinz von Rothenburg

Im Jahr 1897 wurde der Autor eines bebilderten lateinischen Übungsbuchs von seinen Kollegen mit Hohn und Spott überzogen. Heutzutage wäre ein lateinisches Lehrbuch ohne zahlreiche Abbildungen auf dem Schulbuchmarkt chancenlos. Die Arbeit geht den Gründen für diesen erstaunlichen Wandel nach. Ergebnis: Der deutsche Neuhumanismus hatte über die altsprachlichen Lehrbücher der humanistischen Gymnasien ein striktes Bilderverbot verhängt. Als seit dem Ersten Weltkrieg diesem Verbot zum Trotz Abbildungen in die Lateinbücher eindrangen, wurden nur Reproduktionen antiker Originale geduldet. Diese sind aber zur Veranschaulichung lateinischer Lehrbuchtexte völlig ungeeignet. Unter diesem Dilemma leidet die Konzeption lateinischer Schulbücher in Deutschland bis heute.

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3 Neuzeit 29

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29 3 Neuzeit 3.1 Humanismus 3.1.1 Mit Miniaturen versehene Grammatikhandschriften der Renaissance Die humanistischen Grammatiken sind, abgesehen von nicht textbezogenen Au- torenbildern, genau so unbebildert wie ihre mittelalterlichen und antiken Vorläu- fer. Allerdings tauchen Ende des 15. Jh.s zwei humanistische Grammatiken auf, die dem zu widersprechen scheinen. Sie sind trotz der inzwischen von Guten- berg erfundenen Drucktechnik handgeschrieben, und sie sind bebildert. Es han- delt sich um die Codices 2163 und 2167 aus der Mailänder Biblioteca Trivulzia- na. Der Mailänder Herzog Lodovico il Moro Sforza hat sie für seinen ältesten Sohn und Thronfolger Massimiliano Sforza in Auftrag gegeben und von den be- deutendsten italienischen Malern jener Zeit mit Bildern versehen lassen. Diese Bilder sind daraufhin zu untersuchen, ob sie textbezogen sind. Sie zeigen Sze- nen aus dem Leben des jungen Massimiliano am Mailänder Hof der Sforza. Co- dex 2163, das erste Lateinbuch des 7-jährigen Prinzen (Liber Jesus), enthält vier ganzseitige Miniaturen: Massimiliano in voller Rüstung auf einem Schimmel vor einem Kastell (fol.1v), bei einer Begegnung mit Kaiser Maximilian in der Nähe des Comer Sees (fol.6, s. Abb.3), an einer Tafel sitzend (fol. 8) und beim Spielen (fol. 9v). Um dem Prinzen das Verständnis zu erleichtern, sind die zu den Bildern gehörenden Zweizeiler in italienischer Sprache abgefasst.1 Codex 2167 enthält die Texte, die Massimiliano im Anschluss an seine La- teinfibel durchgearbeitet hat: die Janua, die Disticha Catonis und einen gramma- tischen Wiederholungsteil im Anhang. In dieser Handschrift finden sich...

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