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Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten

Pilar Baumeister

Suizidgeschichten einzuleiten ist wahrscheinlich sinnlos. Nur in medias res, unter dem vollen Gewicht der Tat und vielleicht im Nachhinein, kann man sie am besten verstehen. Dieser Essay enthält biographische Angaben zu 423 Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die sich im Zeitraum von 1609 (John Suckling) bis 2008 (mit den neuesten Suizidfällen von Thomas M. Disch, Hugo Claus, David Foster, Miroslaw Nahacz) umbrachten. Das Buch beabsichtigt keinesfalls eine moralische Wertung, keinen Vorwurf an die Lebensunfähigen, auch keine Klassifizierung der meisten Betroffenen als Verrückte, als manisch-depressive Menschen, wie sie allzu oft oberflächlich genannt werden. Die Autorin untersucht vielmehr Umstände und Gründe dieser gemeinsamen Ausnahmesituation am Beispiel von Suizidpaaren, Familien mit mehreren Selbstmördern, Ort, Datum, Ereignissen, Todesinstrument, Gruppen nach Alter, Geschlecht, Nationalität, Suizid aus politischen Gründen und Foltererinnerungen, aus unglücklicher Liebe, Misserfolg, Unvermögen der Psychiatrie, schwerer Krankheit (Recht auf Sterbehilfe, wie Arthur Koestler beanspruchte) usw. Die Verfasserin, selbst Dichterin, will gesellschaftliche Missstände anklagen – Interesse an dem letzten Werk vor dem Suizid und Nähe zu den Erlebnissen der Autoren erzeugen, besonders zu den 77 Autorinnen. Höhepunkt der Nähe ist ihr fiktionaler Schlussdialog.

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4. Die Chronologie unmittelbar vor der Tat 95

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4. Die Chronologie unmittelbar vor der Tat „Ich war gestern einen Tag leichter als heute, und ich werde morgen schwerer als heute sein. Die Tonne, die ich bei meinem Tode wiegen werde, wenn alles klappt, die gebe ich Dir zurück, meinem Gott.“ André Fréderique Eine schlechte Nachricht oder ein Ereignis als Auslöser der Krise „Ich bin deprimiert ... ohne Telefon ... ohne Geld für die Miete ... ohne Geld für Kinderali- mente ... ohne Geld für Schulden ... Geld ... Ich werde von eindringlichen Erinnerungen heimgesucht ... an Mord & Leichen & Wut & Schmerz ... an hungernde oder verwundete Kinder ... an Tod bringende Wahnsinnige, die oft Polizisten sind, an Mörderhinrichtungen ...“ Aus dem Suizidbrief von Kelbin Carter, Fotojournalist, der sich 1994 mit 33 umbrachte (durch Kohlenmonoxidvergiftung wie Anne Sexton) Obwohl die meisten Suizide lange im voraus schon geplant wurden, wie wir gesehen haben, gibt es auch einige Menschen, die erst nach der Mitteilung einer schlechten Nachricht, nach dem Eintreten eines negativen, vielleicht schon lange erwarteten und befürchteten Ereignisses, den Entschluss fassten, mit ihrem Leben Schluss zu machen. Die vielleicht schon latente Krisis der Betroffenen wurde durch die neuen Fakten beschleunigt und zum Höhepunkt gebracht. Robert E. Howard erschoss sich in seinem Auto, nachdem er erfahren hatte, dass seine Mutter nicht mehr aus dem Komazustand wach werden würde. Der Französisch schreibende Albert Caraco aus Konstantinopel tötete sich ein paar Stunden, nachdem sein Vater verstorben war. Der österreichische Dichter Georg Trakl, der im ersten Weltkrieg im August 1914 als Militärapotheker...

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