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Drama des Skandals und der Angst im 20. Jahrhundert: Edward Albee, Harold Pinter, Eugène Ionesco, Jean Genet

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Mine Krause

Bis heute ist der Begriff Theater des Absurden, den Martin Esslin 1961 in seinem gleichnamigen Standardwerk prägte, umstritten. Als Ergänzung wird in dieser Arbeit die Bezeichnung Drama des Skandals und der Angst vorgeschlagen. Trotz unterschiedlicher kultureller Hintergründe beobachten Edward Albee, Harold Pinter, Eugène Ionesco und Jean Genet den gleichen Werteverfall und stellen diesen auf der Bühne zur Schau. Für den Zusammenbruch der staatlichen, familiären und religiösen Ordnung sorgen in ihren Stücken Eindringlinge, die ihre Opfer mit dem metaphysischen Skandal der freien Wahl konfrontieren. Dadurch lösen sie bei den orientierungslosen Figuren existentielle Ängste und Verdrängungsmechanismen aus. Ein Reifen am Absurden im Camus’schen Sinne wird so unmöglich.

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1. Zerfall der bestehenden Ordnung 31

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31 1. Zerfall der bestehenden Ordnung Charakteristisch für das 20. Jahrhundert ist ein Gefühl der Heimatlosigkeit, das insbesonde- re nach den beiden Weltkriegen und im Zuge der Mechanisierung des Alltags in Erschei- nung trat. Der Fortschritt auf allen Gebieten führte dazu, dass der Mensch öfter Gott spielen konnte und den bisherigen wegweisenden Systemen immer weniger Beachtung schenkte. Der Glaube an die staatliche Ordnung und an die bislang verlässliche, Rückhalt bietende Institution der Familie zerfiel allmählich. Gleichzeitig verwandelte sich das gesamte Kom- munikationsgefüge zwischenmenschlicher Beziehungen in ein Spiegelbild der wachsenden Automatisierung der Welt und brach schließlich vollständig zusammen. Nach Feuerbachs Absage an den christlichen Glauben und Nietzsches Verkündung von Gottes Tod büßte auch die Kirche ihre Rolle als moralische Einrichtung ein. Je weniger von den staatlichen, familiären und religiösen Richtlinien übrig blieb, desto bemerkbarer machte sich der meta- physische Skandal der freien Wahl. In den Theaterstücken Pinters, Albees, Ionescos und Genets ist dieser stetige Niedergang der einstigen Ordnung deutlich zu erkennen, welcher eine Grundstimmung von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit fördert. 1.1. Zusammenbruch der staatlichen Ideologien: „L’ordre du monde est si anodin que tout y est permis – ou presque tout.“17 Querdenker, die die staatliche Ordnung hinterfragen oder sogar vehement gegen diese vor- gehen, müssen als Skandalurheber angesehen werden. Durch ihre kritische Einstellung sor- gen sie dafür, dass ihre Umwelt des metaphysischen Skandals zunehmend gewahr wird. Die Figuren dieser Gruppe lassen sich im Allgemeinen in drei...

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