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Wegsperren oder einschließen?

Die Praxis der Freiheitsstrafe zwischen Inklusion und Exklusion

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Edited By Edeltraud Koller, Ferdinand Reisinger and Michael Rosenberger

«Schwerstkriminelle gehören für immer weggesperrt!» Diese Aussage kann man immer wieder und, wie es scheint, immer öfter hören – in Zeitungen, an Stammtischen, ja sogar in Reden von PolitikerInnen. Eine derartige Forderung sieht den Sinn der Freiheitsstrafe offenkundig in der gesellschaftlichen Exklusion von Menschen. Dieser Position stehen aber seit den 1970er Jahren eine Straftheorie und -praxis entgegen, die das Ziel von Strafe in der Reintegration der TäterInnen sehen: Menschen werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, um ihnen schrittweise die soziale Integration bzw. Inklusion zu ermöglichen. Inwiefern kann aber die Praxis des Strafvollzugs das Einschließen in die Gesellschaft überhaupt fördern? Welche Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Mikrosystem Gefängnis selbst ab? Und was ist daraus für die Straftheorie und Strafpraxis zu folgern?

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Mechthild Bereswill

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Der Freiheitsentzug als begrenztes Resozialisierungsprojekt als wir 1998 im Rahmen einer Längsschnittstudie des Kriminologischen For- schungsinstituts niedersachsen (KFn) offene Interviews mit männlichen Ju- gendlichen und Heranwachsenden im ost- und westdeutschen Jugendstrafvoll- zug führten, begegnete uns ein bemerkenswertes Bild: Einige der Inhaftierten bezeichneten das geschlossene Jugendgefängnis als einen „Kindergarten“ und sprachen recht abschätzig über den anspruch des Jugendstrafvollzugs, erziehe- risch in ihr Leben einzugreifen – dafür, so ihre Haltung, müssten sie schon här- ter angefasst werden. am besten wäre es, die Inhaftierten würden sich gegen- seitig erziehen und zwar nach dem Prinzip auge um auge, Zahn um Zahn, so brachte einer unserer Untersuchungsteilnehmer auf den Punkt, dass er den pä- dagogisch-sozialtherapeutischen anstrich des Jugendstrafvollzugs wirkungslos fände.1 Ein anderer erhob den Vorwurf, die Jugendhilfe habe ihn zu lange ver- ständnisvoll begleitet – hätte man ihn früher eingesperrt, wäre er heute schon ein Stück weiter in seinem Leben.2 als Politiker, allen voran der hessische Ministerpräsident, während des Wahl- kampfes anfang 2008, aufgrund einer gewalttat, die von jungen Männern in der Münchner U-Bahn verübt wurde, wieder einmal eine Verschärfung des Jugend- strafrechtes und einen „Warnschuss-arrest“ forderten, ging dies entsprechend durch die Medien und in einer ausgesprochen einflussreichen politischen Talk- Show wurden auch die „Betroffenen“ gehört: auf dem etwas abseits platzierten Sofa, das in dieser Sendung für die Stimmen der Erfahrung reserviert ist, saßen zwei junge Männer, von denen der...

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