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Wegsperren oder einschließen?

Die Praxis der Freiheitsstrafe zwischen Inklusion und Exklusion

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Edited By Edeltraud Koller, Ferdinand Reisinger and Michael Rosenberger

«Schwerstkriminelle gehören für immer weggesperrt!» Diese Aussage kann man immer wieder und, wie es scheint, immer öfter hören – in Zeitungen, an Stammtischen, ja sogar in Reden von PolitikerInnen. Eine derartige Forderung sieht den Sinn der Freiheitsstrafe offenkundig in der gesellschaftlichen Exklusion von Menschen. Dieser Position stehen aber seit den 1970er Jahren eine Straftheorie und -praxis entgegen, die das Ziel von Strafe in der Reintegration der TäterInnen sehen: Menschen werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, um ihnen schrittweise die soziale Integration bzw. Inklusion zu ermöglichen. Inwiefern kann aber die Praxis des Strafvollzugs das Einschließen in die Gesellschaft überhaupt fördern? Welche Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Mikrosystem Gefängnis selbst ab? Und was ist daraus für die Straftheorie und Strafpraxis zu folgern?

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Ilse Kryspin-Exner und Barbara Gegenhuber

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Von Freiheitsentzug bis Resozialisierung Psychologische Aspekte des Strafvollzugs „Wegsperren oder Einschließen?“ – Einschließen im Sinne der Inklusion und nicht des Inhaftierens –, diese plakative Frage ist mit Sicherheit nicht dichotom zu beantworten, da in gefängnissen heterogene Menschengruppen vorzufin- den sind: Personen, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur schwere Delikte begehen, andere, die aufgrund gravierender Lebenskrisen und ungenügender Bewältigungsmechanismen die Straftat als letzten ausweg sehen; Personen, die sich nur durch kriminelle Handlungen ihren Lebensstil finanzieren können, bis hin zu Personen, die aufgrund von Krankheit sowie den Begleitumständen als per se kriminell angesehen werden. aus diesem grund scheint es vor der Er- örterung der Resozialisierungsmöglichkeiten notwendig, einen Exkurs zu den Beweggründen für straffälliges Verhalten zu machen. 1 Delinquenzentstehung – Wieso werden Menschen kriminell? Isolierte Kriminalitätstheorien, ebenso wie einzelne Einflussfaktoren auf de- linquentes Verhalten sind für die Erklärung komplexer Phänomene wie das der Delinquenz in der Regel nicht ausreichend. Delinquentes Verhalten ist ein situations-, bedingungs- und altersabhängiges geschehen, das aus dem Zu- sammenspiel verschiedenster Wirkfaktoren, die die Wahrscheinlichkeit zur Setzung krimineller Handlungen begünstigen oder abschwächen, entsteht. Im Folgenden stützen wir uns zur Beschreibung der Delinquenzentstehung auf ein grundlegendes Modell aus der Klinischen Psychologie. 114 1.1 Das biopsychosoziale Modell Das biopsychosoziale Modell als systemtheoretisches Konzept zur Erklärung von gesundheit und Krankheit gilt als eines der bedeutendsten Modelle zur Be- ziehung zwischen Körper und geist.1 Dieses integrative Modell postuliert die grundsätzliche Beteiligung biologisch-organischer, psychischer und sozio-kul- tureller...

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