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Schuldlose Verantwortung

Vorgaben der Hirnforschung für Ethik und Strafrecht

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Michel Julien Friedman

Das Buch nimmt den von Hirnforschern vorgeschlagenen naturalistischen Standpunkt ein. Es fragt nach dessen Plausibilität hinsichtlich der Begründung unseres Schuldstrafrechts und den damit verbundenen Grundlagen philosophischer Ethik. Dabei erinnert sein Autor daran, dass unsere herrschenden Ethiken ein moralisierendes Werturteil unkritisch voraussetzen. Der Grund der Ethik scheint jenseits der Naturerklärungen zu liegen und sie erklären sich jeweils a priori für gut. Diese Zirkelhaftigkeit der Begründung von Ethik in den Konzepten einer Vernunftethik ist in den biologischen Begründungen von Ethik und Moral überwunden. Ethik und Moral fügen sich vollständig in den Nutzen der Lebensfunktionen menschlicher Individuen und ihrer sozialen Gemeinschaft ein. Der Autor spricht sich dafür aus, den Sinn juristischer Konzepte von Schuld und Strafe als eine Herausforderung anzunehmen, statt sie als eine Bedrohung für herrschende Systeme abzuwehren.

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2. Die Unvollständigkeit normativer Ethiken 49

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49 2. Die Unvollständigkeit normativer Ethiken 2.1 Idealismus und Materialismus Während in der internationalen Literatur zum Verhältnis zwischen Willensfrei- heit und Strafrecht die Positionen der Hirnforschung längst Eingang gefunden hat, wird die Diskussion in Deutschland noch von der Vorstellung beherrscht, dass der Wegfall der Willensfreiheit auch den Wegfall der Verantwortung be- deute. Stephen Morse betont, dass „das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Willensfreiheit kein Kriterium für kriminelle Verantwortung oder Nichtver- antwortung ist“. Auch ist dem Autor klar, dass daraus ebenso wenig folgt, dass Willensfreiheit als Grundlage für eine psychologische Diagnose zu verwenden ist. Denn wenn ein psychiatrisches „Syndrom die Fähigkeit zu rationalem Den- ken bei dem Angeklagten nicht ausreichend stark beeinträchtigt, lässt es sich (aus juristischer Sicht) keinesfalls als Entschuldigung heranziehen, gleichgültig wie sehr es das Verhalten beeinflusst hat [...] Wenn man davon spricht, dass ein Syndrom ein Verbrechen verursacht hat, sagt das nichts darüber aus, ob dies für den Angeklagten als Rechtfertigungsgrund oder mildernde Umstände gelten muss“40 Dagegen schreibt noch Peter Bieri: „Jede Einschränkung der Freiheit stellt die Zuschreibung von Verantwortung in Frage.“41 Die jüngst erschienene Frank- furter Dissertation von Helmut Hesse perpetuiert dieses Vorurteil auf breiter Li- nie: „Denn, da die Freiheit und Verantwortung des einzelnen in der deterministi- schen Auffassung nicht mehr existieren, sondern nur noch als ein funktionieren- der oder nicht funktionierender Lernprozess aufgefasst werden, liegt die Schuld bei den lehrenden Institutionen.“ Dabei erzeugt er unbegründete Angst vor dem Determinismus,...

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