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Schuldlose Verantwortung

Vorgaben der Hirnforschung für Ethik und Strafrecht

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Michel Julien Friedman

Das Buch nimmt den von Hirnforschern vorgeschlagenen naturalistischen Standpunkt ein. Es fragt nach dessen Plausibilität hinsichtlich der Begründung unseres Schuldstrafrechts und den damit verbundenen Grundlagen philosophischer Ethik. Dabei erinnert sein Autor daran, dass unsere herrschenden Ethiken ein moralisierendes Werturteil unkritisch voraussetzen. Der Grund der Ethik scheint jenseits der Naturerklärungen zu liegen und sie erklären sich jeweils a priori für gut. Diese Zirkelhaftigkeit der Begründung von Ethik in den Konzepten einer Vernunftethik ist in den biologischen Begründungen von Ethik und Moral überwunden. Ethik und Moral fügen sich vollständig in den Nutzen der Lebensfunktionen menschlicher Individuen und ihrer sozialen Gemeinschaft ein. Der Autor spricht sich dafür aus, den Sinn juristischer Konzepte von Schuld und Strafe als eine Herausforderung anzunehmen, statt sie als eine Bedrohung für herrschende Systeme abzuwehren.

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6. Ist Willensfreiheit wirklich unverzichtbar? 205

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205 6. Ist Willensfreiheit wirklich unverzichtbar? 6.1 Unterstellte Willensfreiheit Der Bielefelder Philosophieprofessor Ansgar Beckermann legt in einer jüngeren Studie paradigmatisch für eine maßgebliche Position der Gegenwartsphilosophie die mutmaßliche Unverzichtbarkeit der Annahme eines freien Willens für die Konzeption eines Schul- und Verantwortungsbegriffs dar. Seine Verteidigung der Willensfreiheit beginnt zunächst mit einer korrekten Aussage: „Schuld und Strafe setzen Verantwortlichkeit voraus.“ Er münzt diese Aussage jedoch so- gleich um in eine Voraussetzung, von der er sicher sein kann, dass Leser seiner Arbeiten ihr im Allgemeinen nicht widersprechen werden, die jedoch nicht not- wendig ist: „Schuldig kann nur der sein und bestrafen kann man nur den, der für sein Tun verantwortlich gemacht werden kann.“ Lassen wir diese nicht korrekte Verallgemeinerung noch unkommentiert, so weckt spätestens der folgende Satz höchste Aufmerksamkeit, denn er lässt in der Schwebe, was eigentlich vorher zu beweisen gewesen wäre: „Und Verantwortlichkeit setzt, wie es scheint, Freiheit voraus.“ Was zu befürchten war, führt der Autor sogleich aus, wenn er von die- sem Schwebezustand aufwärts gleitet in die Höhen unbewiesener Spekulationen. Seine anfangs noch korrekte Aussage verwandelt sich spätestens hier unter der Hand in eine Unterstellung. Aus der Vermutung wird eine Selbstverständlich- keit. Widerspruch braucht er wiederum aus dem eigenen Lager nicht zu befürch- ten, wenn er mit Blick auf die stets gleich argumentierende Tradition behauptet: „Wer Freiheit leugnet, leugnet damit auch Schuldfähigkeit.“320 Beckermanns Unterstellung stützt sich zum einen auf...

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