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Atomkraft als Risiko

Analysen und Konsequenzen nach Tschernobyl

Edited By Lutz Mez, Lars Gerhold and Gerhard de Haan

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit am 26. April 1986 der vierte Reaktorblock des Atomkraftwerks Tschernobyl völlig zerstört und damit die bis heute schwerste Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernenergie ausgelöst wurde. Aber die verheerenden Auswirkungen des Unfalls und insbesondere die Risiken der atomaren Großtechnologie und deren Folgen für Mensch und Natur geraten zunehmend in Vergessenheit. Atomkraft als Risiko stellt eine interdisziplinäre Untersuchung der Katastrophe aus heutiger Perspektive vor. Nach einer Einführung in den Atomkonflikt werden Fragen thematisiert, die in der aktuellen Diskussion kaum präsent sind. Welche Wirkungen hatte der Super-GAU auf die Ökosysteme und die Nahrungskette? Kann eine Katastrophe wie die von Tschernobyl für die Zukunft ausgeschlossen werden? Wie haben sich seit der Reaktorkatastrophe die Einstellungen zur Kernenergie verändert? Gibt es eine Krise der kerntechnischen Fachkompetenz?

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Umgang mit Risiken

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169 Tschernobyl oder der Umgang mit Risiken in Lernprozessen Lars Gerhold, Gerhard de Haan Befragt man die aktuelle Forschung nach der Bedeutung von Risiken und Unsicherheiten für den modernen Menschen, so wird man konstatieren, dass diese trotz oder gerade aufgrund des wachsenden Wissens über Risiken, ihrer Prävention und Bewältigung von immenser Relevanz sind. Ein wesentlicher Grund ist darin zu sehen, dass wachsende technische Möglichkeiten noch immer mit einer nicht vorgesehenen Zunahme an Unsicherheit erkauft werden: Nach Bonß (1996: 169ff.) sind einerseits durch Harrisburg und Tschernobyl die Sicherheitsversprechen der Wissenschaft und Technik brüchig geworden, und anderseits hat sich die politisch-ökonomische Unsicherheit im Umgang – nicht nur mit wissenschaftlich-technisch induzierten Risiken – eher verstärkt als abgeschwächt. Aktuelle Entwicklungen (z.B. die diversen Zwischenfälle im AKW Krümmel 2005 bis 2009, aber auch andere Ereignisse wie die Finanzkrise oder Terroranschläge der jüngsten Zeit) zeigen zudem die besondere Bedeutung makrosozialer Unsicherheiten als Einflussfaktoren individueller Lebens- gestaltung (vgl. Gerhold 2009: 43ff.). So müssen wir nach Beck in einer Welt leben, „die über ihre Zukunft unter den Bedingungen hergestellter, selbst- fabrizierter Unsicherheit entscheiden muß“ (Beck 2007: 26). Auf gesell- schaftlicher und sozialer Ebene gibt es immer weniger feste Strukturen, die Ordnung stiften und handlungsrelevante Sicherheitskonzepte bieten. Was im Bereich von Wissenschaft und Technik gilt, gilt auch im sozialen und individuellen Bereich: Unsicherheit wird vor dem Hintergrund der selbst- gestalteten Biographie immer mehr zur sozialen Basiserfahrung, Risikoprobleme der Lebensgestaltung gehen in heutiger Zeit nicht mehr mit eindeutigen L...

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