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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Brecht als Lehrer. Eine Rede vor Berliner Gewerkschaftsfunktionären 9

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9Brecht als Lehrer Eine Rede vor Berliner Gewerkschaftsfunktionären I Brecht – den Vielgerühmten – nochmals zu ehren, fällt nicht leicht. Vor allem hier in Berlin, wo er zwei wichtige Phasen seines Lebens verbrachte, wo bis heute das von ihm gegründete Berliner Ensemble immer aufs Neue seine Stücke herausbringt, wo es ein Brecht-Haus gibt, dessen Literaturforum sich seit Jahrzehnten mit seinem Œuvre auseinandersetzt, wo Ernst Schumacher und Werner Mittenzwei – zwei der wichtigsten Literaturkritiker – mit dickleibigen Publikationen über Brecht hervorgetreten sind: was läßt sich in einer solchen Stadt weiterhin Bedeutsames, geschweige denn Neues über Brecht sagen? Aber vielleicht ist die Einweihungsfeier eines Bertolt Brecht-Raums im ver.di- Hauptgebäude gar nicht der Anlaß, mit neuen Forschungsergebnissen oder sensationellen Enthüllungen aufzuwarten. Hier soll lediglich in gebührender Weise seine Bedeutsamkeit für die politische Kultur innerhalb Deutschlands herausgestellt werden, die er zwar nicht maßgeblich beeinflussen konnte, aber in der er doch unübersehbare Spuren hinterlassen hat. Oder um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden / Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. / So verging meine Zeit / Die auf Erden mir gegeben war.“ Trotz aller Bescheidenheit, mit der diese Sätze formuliert sind, steht dahinter ein anspruchsvolles Programm, das von einer aufmüpfigen, wenn nicht gar dialektisch-eingreifenden Gesellschaftsbezogenheit zeugt, die man bei der Lektüre seiner Werke nie übersehen sollte. Trotz der beeindruckenden Größe seiner Wortkunst, der kunstvollen Proportionen seiner Dramen sowie der trockenen Komik seiner Prosa...

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