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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Brechts Hitler-Satiren 68

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68 Brechts Hitler-Satiren I Hitler als komische Figur darzustellen, wirkt auf Anhieb unangemessen. Steht nicht dieser Mann aufgrund des Ausmaßes der durch ihn in Gang gesetzten Greuel von vornherein jenseits aller Komik? Hat er nicht halb Europa in Schutt und Asche gelegt und einen Krieg angezettelt, dem über 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind? Wie kann man also Hitler anders als mit Abscheu betrachten? Ein solcher Mann ist doch kein Gegenstand für kabarettistische Belustigungen! Offenbar haben sich viele seiner Gegner derartige Fragen schon zu Lebzeiten gestellt. Wie wäre es sonst zu erklären, daß Hitler so selten satirisch dargestellt worden ist. Über den mickrigen, sich ständig rhetorisch ereifernden Goebbels sowie den dickleibigen, mit „Lametta“ behangenen Göring sind viele Witze gemacht worden. Über Hitler schwiegen sich dagegen die Satiriker der dreißiger und vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts meist aus. Fürchteten sie etwa, von seinen Schergen bis in den letzten Winkel der Erde verfolgt zu werden? Wohl kaum. Schließlich hatten auch Goebbels und Göring ihre Schergen und drohten ihren Gegnern im Ausland obendrein, „nur Leichen auf Urlaub“ zu sein.1 Also muß es – außer der Furcht – noch etwas anderes gewesen sein, was viele davon abhielt, eine Hitler-Satire zu schreiben, zu filmen oder zu zeichnen. Genau betrachtet, gehen solche Bedenken bis auf die zwanziger Jahre zurück. Allerdings hatten sie damals noch eine andere Ausrichtung. Bis zu den berühmt-berüchtigten Septemberwahlen des Jahres 1930, die den National- sozialisten ihren ersten großen...

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