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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Brecht in Hollywood 107

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107 Brecht in Hollywood I Wie wir wissen, verließ Brecht – nach dem Erhalt der für die Einreise in die USA benötigten Visa – mit seiner Familie und seinen beiden Mitarbeiterinnen Margarete Steffin und Ruth Berlau – am 13. Mai 1941 Helsinki, begab sich nach Moskau, wo die an Tuberkulose leidende, todkranke Steffin in ein Krankenhaus gebracht werden mußte, fuhr dann mit der transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok, bestieg dort den schwedischen Dampfer „Annie Johnson“ und erreichte am 21. Juni San Pedro, den Hafen von Los Angeles, wo ihn Marta Feuchtwanger und Alexander Granach abholten und nebst seiner Familie in der Argyle Avenue 1953 in Hollywood unterbrachten. Brecht hatte von den Vereinigten Staaten – außer dem befreienden Gefühl, endlich von den 15 000 Kilometer entfernten Nazifaschisten in Sicher- heit zu sein, die kurz zuvor in die Sowjetunion einmarschiert waren – nicht viel erwartet. Schließlich hatte ihn schon 1935 sein kurzer Besuch in New York, wo er keinen Einfluß auf eine miserable Aufführung seines Dramas Die Mutter nehmen konnte, maßlos enttäuscht. Doch Los Angeles fand er noch furchtbarer. „Fast an keinem Ort war mir das Leben schwerer als hier in diesem Schauhaus des Easy going“, schrieb er bereits am 1. August 1941 in sein Arbeitsjournal.1 „Ich komme mir vor wie aus dem Zeitalter herausgenommen, das ist ein Tahiti in Großstadtform“, notierte er sich wenige Tage später im gleichen Journal. Was ihn zuerst befremdete, war das Künstliche des dort herrschenden Lebensstils, das heißt auf einer...

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