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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Brechts Einstellung zu Krieg und Frieden 134

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134 Brechts Einstellung zu Krieg und Frieden Auf die Frage „Krieg oder Frieden?“ hatte Brecht, der weder ein konsequenter Pazifist noch eine vor Nichts zurückschreckende Kämpfernatur war, keine eindimensionale Antwort. Nach der relativ anarchischen Phase seiner Frühzeit, als er in seinen Dichtungen auch wilde, ungehemmte, ja gewaltsame Züge keineswegs verschmäht hatte, nahm diese Problemstellung – seit seiner Hinwen- dung zum Marxismus-Leninismus in den späten zwanziger Jahren – plötzlich eine ganz andere Färbung an. Jetzt ging es ihm in seinen Werken nicht mehr um das ungebärdige Verhalten einzelner Ausnahmegestalten in einer unerbittlichen Konkurrenzgesellschaft, in der jeder Mensch des anderen Wolf ist, wie er das in seiner Figurenreihe von Baal über Mackie Messer bis hin zu Fatzer dargestellt hatte, sondern um dramatische Auseinandersetzungen, in denen mehrere Personen in sie weit übergreifende Klassenkämpfe verstrickt werden. Obwohl Brecht selber, wie bereits angedeutet, keine Kämpfernatur war, ja meist zögerte, sich in gefährliche Situationen zu begeben, zwang ihn seine Ablehnung der Nationalsozialisten sowie seine Hinwendung zur Kommunistischen Partei und die daraus resultierende Exilsituation nach 1933 zusehends zu ideologischen und persönlichen „Haltungen“, bei denen sich eine kämpferische Parteinahme nicht länger vermeiden ließ. Dennoch blieb er in seinen ersten Exiljahren lieber auf einer kleinen dänischen Insel, als sich in eins der Zentren des antifaschistischen Widerstands, ob nun nach Moskau, Prag oder Paris, zu begeben. Und er arbeitete dort – eingedenk seiner Maxime „Es ist besser, sich außerhalb des Gefängnisses nützlich zu...

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