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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Thomas Mann und Bertolt Brecht. Repräsentant und Verräter der bürgerlichen Klasse 146

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146 Thomas Mann und Bertolt Brecht Repräsentant und Verräter der bürgerlichen Klasse I So wie es zwischen Goethe und Schiller, die von vielen Literaturkritikern gern als die zwei „klassischen“ Dioskuren hingestellt werden, nicht jenes „fatale Und“ gibt, vor dem bereits Friedrich Nietzsche ausdrücklich gewarnt hat, gibt es auch zwischen Thomas Mann und Bertolt Brecht kein verbindendes „Und“.1 Beide haben letztlich nur eines gemeinsam: nämlich die zwei bedeutendsten deutschen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sein. Aber sonst waren sie, wie allgemein bekannt ist, auf fast allen Ebenen, ob nun in politischer, menschlicher oder ästhetischer Hinsicht, krasse Antipoden. Was soll daher eine solche Parallelisierung? Thomas Mann und Bertolt Brecht? Laufen solche Vergleiche nicht meist auf krude Pauschalisierungen hinaus, die nicht in den Bereich der hehren Wissenschaft, sondern eher den einer effekthaschenden Journalistik gehören? Um also nicht auf eine gewisse Szientifizität zu verzichten, muß bei derar- tigen Gegenüberstellungen noch ein dritter Faktor ins Spiel gebracht werden. Im Rahmen der hier angestellten Überlegungen kann dies nur ihre Einstellung zum „Kulturellen Erbe“ jener Bourgeoisie sein, die sich in Deutschland – nach zögerlichen Anfängen im 16. und 17. Jahrhundert – seit dem Beginn der Auf- klärung in den ersten Dezennien des 18. Jahrhunderts als die führende intellektuelle und kulturelle Schicht durchzusetzen begann. Am Ende dieser Entwicklung stand schließlich jenes vielgelobte und zugleich vielgeschmähte Bildungsbürgertum, das mit dem Anspruch auftrat, diejenige Bevölkerungs- klasse zu sein, der in Sachen...

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