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Elisabeth von Thüringen und die neue Frömmigkeit in Europa

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Edited By C. Bertelsmeier-Kierst

Anläßlich des 800. Geburtstages der heiligen Elisabeth von Thüringen wurde 2007 in Marburg ein wissenschaftliches Symposion durchgeführt, das Elisabeths karitatives Wirken in den Kontext der großen religiösen Bewegungen jener Zeit stellte. Die Subjektivierung der Frömmigkeit, die von den großen Reformorden ausging, erfasste um 1200 nachhaltig auch die Laiengesellschaft. Vor allem Frauen drängten nach Teilhabe am religiösen Leben und strebten eine möglichst radikale Nachfolge Christi an. Ergriffen vom neuen Ideal der Armut und Askese waren sie bereit, ihre bisherigen sozialen Bindungen aufzugeben und ihre Vorstellung eines christlichen Lebens in karitativer Fürsorge oder – in Abkehr von der Welt – in strenger Klausur und mystischer Selbstsorge zu verwirklichen. Diese neue Spiritualität aus der Sicht verschiedener Fächer – der Theologie, der Geschichts- und Literaturwissenschaften, der Kunstgeschichte wie der Musikwissenschaft – sichtbar zu machen, war Ziel des Symposions, dessen Beiträge in diesem Band erscheinen.

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MONIKA RENER The Making of a Saint 195

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MONIKA RENER The Making of a Saint I. Wenn wir Ambrose Bierce's Definition des Heiligen als toten Sünder, dessen Leben revidiert und ediert wurde, „a dead sinner, revised and edited"1 akzep- tieren wollten, so müssten wir annehmen, dass erst die Hagiographen Elisa- beth zur Heiligen gemacht, sie sozusagen erfunden hätten. Der Gedanke ist nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag: die Bedeutung des Schriftstellers als Verkünder des Lobes und als Garant für das Weiterleben des Helden im Gedächtnis der Nachwelt ist seit Homer, der die icUct, ävSpow, den Ruhm der Helden, besang, feststehender Topos.2 Ich nenne hier als Beispiel den Ausspruch Alexanders des Gr. am Grab Achills in der Form, wie sie Cicero3 (Pro Archia, 24)überliefert hat: 0 fortunate ...adulescens, qui tuae virtutis Home- rum praeconem inveneris! „Glücklicher Jüngling, der Du einen Homer als Ver- künder Deiner Größe gefunden hast.« Nichts anderes ist es, wenn die Hagiographen beginnend mit den Märty- rer-Akten das Bewahren der Erinnerung, das testimonium, als Begründung für die Niederschrift einer passio oder einer vita nennen.' Die hagiographischen Schriften sollen aber nicht nur das liturgische Gedenken ermöglichen, sie haben immer auch eine paränetische Funktion, indem sie den Gläubigen Vorstel- lungen eines heiligmäßigen Lebens und damit nachahmenswertes Verhalten vermitteln.' Das exemplarische Leben bietet keine allgemeinen und abstrakten 1 A. BIERCE, The Devil's Dictionary. The Collected Works of Ambrose Bierce, New York, Guardian Press, 1966, Bd....

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