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Simplicianisches Erzählen in Grimmelshausens «Wunderbarlichem Vogel-Nest»

Ein poetologischer Kommentar

Rainer Hillenbrand

Grimmelshausens Vogelnest-Romane sind Variationen über das schon im Springinsfeld auftauchende Problem, ob der Mensch aus sich heraus zum Guten fähig ist, auch wenn er unbemerkt das Böse tun kann. Dabei erweist sich das christliche Gewissen als entscheidende Instanz zur Selbsterkenntnis, wobei das richtige Verständnis der göttlichen Schöpfung oder die Anleitung durch einen geistlichen Führer entscheidend weiterhelfen. Beide Romane werden als Beispiele für selbstkritisches Erzählen im Sinne einer augustinischen Lebensbeichte in die Tradition des Simplicissimus gestellt. Das unsichtbar machende Vogelnest erscheint in Titelkupfer und Text zwar als poetologische Allegorie des weltkritischen Satirikers, jedoch nicht des simplicianischen Erzählers, welcher vielmehr erst aufgrund seines Verzichts auf das Zauberding zur notwendigen Selbstsatire fähig wird. Eine saubere Unterscheidung des Ich-Erzählers vom handelnden Helden ermöglicht die auktoriale Zuordnung der satirischen Stoßrichtung gegen eine verkehrte Welt, die in vieler Hinsicht vom Wahn betrogen wird, wobei auch helles Licht auf Grimmelshausens religiösen Standpunkt fällt. Als moralisches Leitmotiv erweist sich das Prinzip, daß die Sünder von anderen Sündern bestraft werden und daß Gott das Unglück als Strafe für die Sünde, mehr aber noch als Angebot zur Besserung verhängt.

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Einleitung 7

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7EINLEITUNG Die beiden Vogelnest-Romane hatten in der Grimmelshausen-For- schung lange Zeit einen überwiegend schlechten Ruf. Nach dem prachtvollen Simplicissimus, meinte man, habe er sich im Trutz- Simplex noch zu der ebenso prachtvollen Gestalt der Courasche aufgeschwungen, um dann schon im Springinsfeld, ganz besonders aber in den Vogel-Nestern seine literarischen und ästhetischen Qua- litäten gänzlich zu verlieren und nur noch als Moralapostel zu wir- ken.1 Dabei wurde geflissentlich übersehen, daß auch schon in den ersten Büchern des simplicianischen Zyklus genau die selben mora- lischen Wertungen von genau dem selben christlichen Standpunkt aus vorgenommen werden, nur daß sich nun die expliziten und un- mißverständlichen Formulierungen im Verhältnis zur Handlung de- rart häufen, daß es immer schwerer fällt, sie zu ignorieren.2 Mit der Entdeckung allegorischer und emblematischer Tech- niken stieg dann zwar die ästhetische Wertschätzung der Romane, gleichzeitig aber auch das Bedürfnis, die meist als unangenehm empfundene religiöse Botschaft ‚perspektivisch’ zu relativieren oder ‚ironisch’ in ihr Gegenteil zu verkehren. Dadurch wird aber 1 Vgl. z. B. noch Schweitzer (1990), der „the decline of Grimmelshausen’s art“ feststellt, und zwar ganz besonders in den „two parts of Das wunder- barliche Vogelnest with their explicit and often repeated moral messages” (S. 121). 2 Auch Wagener (1976) erkennt, „daß im Vogelnest Grundgedanken Grim- melshausens, wie sie dem Simplicissimus und seinen anderen Werken zugrunde liegen, hier in einer sonst kaum erreichten Schärfe formuliert und gestaltet sind“ (S. 1). 8der bei Grimmelshausen unauflösliche Zusammenhang von christ-...

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