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Literaturskandale

Edited By Hans-Edwin Friedrich

Skandale begleiten die Literatur zwar seit ihren Anfängen, doch erst in der Moderne gehören sie zu ihren immer wiederkehrenden Begleiterscheinungen. Im Skandal treten Normkonflikte zutage, an denen die Wirkung von Literatur ablesbar wird. Mit den historisch neuen Modellen der goethezeitlichen Autonomieästhetik und der modernen Avantgarde haben sich Erscheinungsbild, Tragweite und Bedeutung von Skandalen verändert. Der Skandal kann Teil eines Kunstwerks, in extremen Fällen sogar selbst zum Kunstwerk werden.
Dieser Sammelband diskutiert eine breite Palette von Skandalen bis in die jüngste Gegenwart hinein: von Johann Wolfgang Goethes Leiden des jungen Werthers über Frank Wedekinds Lulu-Dramen und Arthur Schnitzlers Reigen zu Maxim Billers Esra und Charlotte Roches Feuchtgebiete. Innerliterarische, religiöse, juristische, pornographische und politische Skandale bilden verschiedene Typen von Literaturskandalen.

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Hans-Edwin Friedrich: Literaturskandale. Ein Problemaufriss 7

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Literaturskandale Ein Problemaufriss Hans-Edwin Friedrich Skandale scheinen die Literatur von Beginn ihrer Geschichte an zu begleiten. Als Platon seinen idealen Staat entwarf, waren ihm die Lügen der Dichter ein Ärgernis. Er skandalierte die Poesie und gestand ihr in seinem Staat eine höch- stens subsidiäre Rolle zu. Geistliche ereiferten sich gegen Giovanni Boccaccios Decamerone, Goethes Werther, Oskar Panizzas Liebeskonzil. Ayatollah Cho- meini verhängte die Fatwah gegen Salman Rushdie. Die Poeten ihrerseits waren aber auch nicht untätig: Heine machte Platens Homosexualität zum Skandal, Zo- la die Verurteilung des Hauptmanns Dreyfus, Eckhard Henscheid Luise Rinser als solche. Teile der Presse bliesen unterschiedlich heftig zur Hatz auf Karl May, auf Frank Wedekind, auf Günter Wallraff. Theateraufführungen von Arthur Schnitzler, Wolfgang Bauer, Franz Xaver Kroetz brachten die Öffentlichkeit gegen sich auf. – Die Zahl der Beispiele lässt sich nahezu beliebig vermehren, ihre Vielfalt zeigt, dass man es mit einem komplexen, ebenso lautstark auftre- tenden wie fast spurlos vergehenden transitorischen Phänomen zu tun hat, das nicht ohne weiteres auf einen Begriff zu bringen ist. Literaturskandale sind zwar häufig in Fallstudien beschrieben und als Rezeptionsphänomene untersucht worden; es fehlt jedoch eine systematische und theoriegeleitete Forschung zu diesem Problemfeld.1 Das Wort hat eine lange Geschichte, es geht auf das griechische σκάνδαλον zurück, das in der Bibel eine zentrale Rolle spielt.2 Im 18. Jahrhundert wurde das französische scandale als Lehnwort in die europäischen Sprachen über- nommen und nahm die heute noch geläufige Bedeutung an.3 Die...

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