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Literaturskandale

Edited By Hans-Edwin Friedrich

Skandale begleiten die Literatur zwar seit ihren Anfängen, doch erst in der Moderne gehören sie zu ihren immer wiederkehrenden Begleiterscheinungen. Im Skandal treten Normkonflikte zutage, an denen die Wirkung von Literatur ablesbar wird. Mit den historisch neuen Modellen der goethezeitlichen Autonomieästhetik und der modernen Avantgarde haben sich Erscheinungsbild, Tragweite und Bedeutung von Skandalen verändert. Der Skandal kann Teil eines Kunstwerks, in extremen Fällen sogar selbst zum Kunstwerk werden.
Dieser Sammelband diskutiert eine breite Palette von Skandalen bis in die jüngste Gegenwart hinein: von Johann Wolfgang Goethes Leiden des jungen Werthers über Frank Wedekinds Lulu-Dramen und Arthur Schnitzlers Reigen zu Maxim Billers Esra und Charlotte Roches Feuchtgebiete. Innerliterarische, religiöse, juristische, pornographische und politische Skandale bilden verschiedene Typen von Literaturskandalen.

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Steffen Martus: Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werthers als Medienskandal 29

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Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werthers als Medienskandal1 Steffen Martus Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 28. Oktober 2003 auf der Titelseite von einer Werbekampagne der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. In einem Werbe- spot bringen sich junge Leute um, weil sie keine Lehrstelle bekommen – sie er- hängen sich, sie erschießen sich, sie schneiden sich die Pulsadern auf. Dazu gibt es Musik mit einem aufbauenden Text: „Don‘t kill yourself, stand up and fight!“ Der Kommentar der SZ dazu lautete: Aufrütteln angesichts der desolaten Lage bei den Lehrstellen oder eine makabre Anleitung zum Selbstmord? Psychiater warnen immer wieder vor dem „Werther-Effekt“. Nachdem Goe- thes Roman erschienen war, kam es zu einer Welle von Suiziden, wobei sich meist junge Männer umbrachten – nicht ohne zuvor das Buch in die Jackentasche gesteckt zu haben. „Wenn Prominente den Freitod wählen oder wenn dieser als heroische Tat dargestellt wird, beobachten wir einen Nachahmungseffekt“, sagt Ulrich Hegerl, Professor für Psychiatrie in München. Seitdem in manchen Städten in den Medien nicht mehr über Menschen berichtet werde, die sich vor eine U-Bahn werfen, sei die Zahl der Nachahmer gesunken[.] Der Vorwurf, dass die Szenen des Spots zur Nachahmung anregen, weist ver.di- Jugend vehement zurück, wie Torsten Tenbieg, Bundesjugendsekretär der Ver- di-Jugend, im Spiegel am 24. Oktober 2003 erklärt. Das überzeugt jedoch nicht alle Zuschauer. Am 10. November 2003 findet sich folgende Meldung: Der Arzt Dr. Christian Wittig hat eine einstweilige Verfügung gegen Verdi beantragt. „Ich habe beim...

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