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Von der Freizeitplanung zur Kulturpolitik

Eine Bilanzierung von Gewinnen und Verlusten

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Dieter Kramer

Alle Parteien versprachen in den 1960er Jahren großzügige Programme zur Freizeitplanung. Die Freizeitpädagogik wollte die Menschen vorbereiten auf die Freizeitgesellschaft, in der die Arbeit beiläufig erledigt wird und freie Zeit dominiert. Dann aber zehren Krisen, Konsumwettbewerb, Globalisierung und Arbeitslosigkeit die Produktivitätsgewinne auf. Freizeitpolitik verschwindet, die für alle nutzbare Infrastruktur für Freizeit und Erholung wird zugunsten einer Kulturpolitik für die alten und neuen Bildungsschichten vernachlässigt. Verloren sind die demokratischen Dimensionen der Freizeitpolitik. Der allzu kontur- und inhaltlose Freizeitbegriff kann nicht wieder belebt werden. Interessanter ist daher die Beschäftigung mit einer neuen sozialkulturellen Strukturpolitik, bei der die Kulturpolitik sich als Teil einer demokratischen Gesellschaftspolitik neu erfindet.

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1. Freie Zeit als eigentlicher menschlicher Reichtum 13

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1. Freie Zeit als eigentlicher menschlicher Reichtum 1.1 Gesellschaftliche Arbeit und disponible Zeit Am Beginn aller Überlegungen zur Freizeit steht die Erfahrung, dass Menschen nicht ihre gesamte Lebenszeit zur Sicherung ihres Überlebens gebrauchen müs- sen, sondern ihnen Zeit zu beliebiger Nutzung bleibt, freilich nicht in allen ge- sellschaftlichen Verhältnissen auf die gleiche Weise, und immer auch bezogen auf die Definition dessen, was dort die notwendigen Voraussetzungen eines ak- zeptierbaren anständigen Lebens sind und welche Möglichkeiten der Verwen- dung von freier Zeit es konkret gibt. Wirtschaftswissenschaften und Philosophie beziehen sich beim Nachdenken über Freizeit auf diese Struktur. Seit Ende der 1950er Jahre schärft sich die Dis- kussion darüber in der Soziologie, den Gesellschaftswissenschaften und der Pä- dagogik an der marxistischen Theorie. Zeit wird zum Beispiel bei Karl Marx und Friedrich Engels analog zu den Modellbildungen der klassischen ökonomi- schen Theorie ihrer Vorläufer und Zeitgenossen zunächst gesehen in ihrem Zu- sammenhang mit dem Naturstoffwechsel: „Gemeinschaftliche Produktion vor- ausgesetzt, bleibt die Zeitbestimmung natürlich wesentlich. Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen oder Vieh etc. zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu anderer Produktion, materieller oder geistiger. Wie bei einem einzelnen Individuum, hängt die Allseitigkeit ihrer Entwicklung, ihres Genusses und ihrer Tätigkeit von Zeitersparung ab“ (Marx: „Grundrisse“: 89). „Die wirk- liche Ökonomie Ersparung besteht in Ersparung von Arbeitszeit“; „freie Zeit“ ist gleichermaßen „Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeit“ (ebd.: 599) wie auch „Raum zur menschlichen...

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