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Von der Freizeitplanung zur Kulturpolitik

Eine Bilanzierung von Gewinnen und Verlusten

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Dieter Kramer

Alle Parteien versprachen in den 1960er Jahren großzügige Programme zur Freizeitplanung. Die Freizeitpädagogik wollte die Menschen vorbereiten auf die Freizeitgesellschaft, in der die Arbeit beiläufig erledigt wird und freie Zeit dominiert. Dann aber zehren Krisen, Konsumwettbewerb, Globalisierung und Arbeitslosigkeit die Produktivitätsgewinne auf. Freizeitpolitik verschwindet, die für alle nutzbare Infrastruktur für Freizeit und Erholung wird zugunsten einer Kulturpolitik für die alten und neuen Bildungsschichten vernachlässigt. Verloren sind die demokratischen Dimensionen der Freizeitpolitik. Der allzu kontur- und inhaltlose Freizeitbegriff kann nicht wieder belebt werden. Interessanter ist daher die Beschäftigung mit einer neuen sozialkulturellen Strukturpolitik, bei der die Kulturpolitik sich als Teil einer demokratischen Gesellschaftspolitik neu erfindet.

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2. Zur Geschichte der Freizeitpolitik 17

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2. Zur Geschichte der Freizeitpolitik 2.1 Zeiteinteilungen in der Vergangenheit Es ist angebracht, mit einigen Stichworten auf die historische Entwicklung der Zeitorganisation einzugehen, weil erst der Blick auf ganz andere Formen der Zeitreglementierung und der öffentlichen (staatlichen) Freizeitpolitik die Beson- derheit der aktuellen Struktur erkennen lässt. Auch die Freizeitpädagogik be- zieht sich gern auf die Geschichte der Zeitnutzung und der Verwendung des Begriffes Freizeit. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass von Freizeit gesprochen wird. Frei- zeit, obwohl bereits 1823 bei dem Pädagogen Fröbel als „Muße Zeit“ zum ersten Mal belegt, taucht in den Wörterbüchern der deutschen Sprache relativ spät auf: Im „Deutschen Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm (1854 Bd. 1/1971 Bd. 33) fehlt der Begriff noch. Marx und Engels kennen, wie gezeigt, nur freie Zeit als disponible Zeit. In der kirchlichen Bildungs- und Jugendarbeit des frühen 20. Jahrhunderts wird Freizeit als Begriff für einen organisiert und in Gemeinschaft verbrachten Zeitblock außerhalb der Ausbildungs- und Berufstätigkeit verwendet, und ent- sprechend erscheint sie 1925 in der Doppelbedeutung von freier Zeit und als „gemeinsamer Ferienaufenthalt für christliche Mädchen“ (Paul 1992: 292). Die „Freizeit“ als „Erholungszeit Gesinnungsverwandter zum Gespräch“ (Macken- sen 1986: 391) ist bis in die jüngste Zeit neben dem arbeitspolaren Freizeitbeg- riff (mit allen entsprechenden Wortverbindungen) Bestandteil des deutschen Wortschatzes. Gern wird zur Geschichte der Freizeit eine Arbeit von Johannes Feige zitiert (s. Feige 1936). Hermann Giesecke gibt das erste Kapitel „Der alte Feierabend...

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