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Von der Freizeitplanung zur Kulturpolitik

Eine Bilanzierung von Gewinnen und Verlusten

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Dieter Kramer

Alle Parteien versprachen in den 1960er Jahren großzügige Programme zur Freizeitplanung. Die Freizeitpädagogik wollte die Menschen vorbereiten auf die Freizeitgesellschaft, in der die Arbeit beiläufig erledigt wird und freie Zeit dominiert. Dann aber zehren Krisen, Konsumwettbewerb, Globalisierung und Arbeitslosigkeit die Produktivitätsgewinne auf. Freizeitpolitik verschwindet, die für alle nutzbare Infrastruktur für Freizeit und Erholung wird zugunsten einer Kulturpolitik für die alten und neuen Bildungsschichten vernachlässigt. Verloren sind die demokratischen Dimensionen der Freizeitpolitik. Der allzu kontur- und inhaltlose Freizeitbegriff kann nicht wieder belebt werden. Interessanter ist daher die Beschäftigung mit einer neuen sozialkulturellen Strukturpolitik, bei der die Kulturpolitik sich als Teil einer demokratischen Gesellschaftspolitik neu erfindet.

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9. Mögliche Gründe für das Verschwinden der Freizeitpolitik 129

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9. Mögliche Gründe für das Verschwinden der Freizeitpolitik 9.1 Verschiedene Vermutungen Das Thema Freizeit verschwindet gegen Ende der 1980er Jahre aus der öffentli- chen Diskussion. Zwar spricht Bundeskanzler Helmut Kohl, sich gegen Forde- rungen zur Arbeitszeitverkürzung wehrend, noch polemisch vom Freizeitpark Deutschland, in dem niemand mehr arbeiten will. Aber verloren ist die Brisanz, die das Thema Freizeit hatte, als die Eliten beunruhigt fragten, ob denn die Sub- alternen, die Jugendlichen insbesondere, ihre Freizeit sinnvoll verwenden. Es wird auch nicht mehr nach der Infrastruktur für Freizeit und Erholung gefragt. Die öffentlichen, in den 1970er Jahren vorwiegend aus Holz konstruierten Übungsgeräte der Trimm-Dich-Pfade für die Volksgesundheit verrotten vieler- orts in den Erholungszonen. Oft zeugen nur noch archäologisch erschließbare Spuren von dieser Landschafsmöblierung, ähnlich den verwunschenen Wald- lichtungen eines einstigen Arboretums, wie sie den naturwissenschaftlichen Bil- dungsbemühungen des frühen 20. Jahrhunderts entstammen, oder wie die rätsel- haft anmutenden Wegeführungen für die Oertelschen Terrain-Kuren aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, bei denen Wegestrecken und Steigungen den me- dizinischen Bewegungsverordnungen für Krankheiten von Herz-Kreislauf, inne- ren Organen und Psyche entsprechen. Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich geht es den Geschichts-, Wein-, Geologie-, Bergbau und sonstigen Lehrpfaden der Ge- genwart einst ähnlich. Aber auch sie sollen ja in der Gegenwart den Menschen Vergnügen und Belehrung vermitteln und sind nicht für die Ewigkeit gedacht. Spätestens seit 1990 redet fast kein Politiker mehr von Freizeit, aber nicht von Kultur zu reden kann...

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