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Von der Freizeitplanung zur Kulturpolitik

Eine Bilanzierung von Gewinnen und Verlusten

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Dieter Kramer

Alle Parteien versprachen in den 1960er Jahren großzügige Programme zur Freizeitplanung. Die Freizeitpädagogik wollte die Menschen vorbereiten auf die Freizeitgesellschaft, in der die Arbeit beiläufig erledigt wird und freie Zeit dominiert. Dann aber zehren Krisen, Konsumwettbewerb, Globalisierung und Arbeitslosigkeit die Produktivitätsgewinne auf. Freizeitpolitik verschwindet, die für alle nutzbare Infrastruktur für Freizeit und Erholung wird zugunsten einer Kulturpolitik für die alten und neuen Bildungsschichten vernachlässigt. Verloren sind die demokratischen Dimensionen der Freizeitpolitik. Der allzu kontur- und inhaltlose Freizeitbegriff kann nicht wieder belebt werden. Interessanter ist daher die Beschäftigung mit einer neuen sozialkulturellen Strukturpolitik, bei der die Kulturpolitik sich als Teil einer demokratischen Gesellschaftspolitik neu erfindet.

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10. Jenseits der Freizeitpolitik: Eine neue sozialkulturelleStrukturpolitik 175

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10. Jenseits der Freizeitpolitik: Eine neue sozialkulturelle Strukturpolitik 10.1 Apokalyptische Visionen Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig (s. Denso/Wefing 2010, s. Heisig 2010) will, dass die Justiz angesichts der Probleme mit jugendlichen Straftätern nicht nur verurteilt, sondern auch präventiv agiert. Kirsten Heisig geht davon aus, dass „sich kriminelle Karrieren nicht durch Strafe, sondern nur durch Vor- beugung verhindern ließen, durch soziale Frühwarnsysteme“ (Denso/Wefing 2010). „Wir müssen es als Repräsentanten der Gesellschaft gemeinsam bewerk- stelligen, Schule, Jugendämter, Polizei und Justiz an einen Tisch zu bringen“, ist ihr Vorschlag (ebd.). Das ähnelt den Vorstellungen zum Bürgerschaftlichen En- gagement von André Habisch (s. Kap. 10.2). Aber kulturelle Dimensionen sind auch hier nicht einbezogen. In den 1980er Jahren wäre zum Beispiel Soziokultur mit Selbstverständlichkeit in einem sol- chen Zusammenhang genannt worden. Dass dies 2010 nicht geschieht, hängt vermutlich nicht allein mit der fehlenden flächendeckenden Präsenz solcher Ein- richtungen zusammen. Sie wären angesichts der Auflösung der tradierten wohl- fahrtsstaatlichen Arrangements (s. Häußermann u. a. 2008: 17) auch nicht mehr ausreichend. Bewährt hat sich in der Einwandererstadt Berlin die Zusammenar- beit mit den Communities, den eigenen Vereinigungen der migrantischen Grup- pen, wie Dorothea Kolland sie in Neukölln praktiziert. Diese Gemeinschaften werden einerseits dadurch als Parallelgesellschaften anerkannt und gestärkt, aber die Augen vor ihrer Bedeutung zu verschließen trägt auch nicht zur Minderung der Probleme bei. Vorgeworfen wird Kirsten Heisig, dass sie sehr problematische Einzelfälle in...

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