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«Armance» und die Ästhetik des Melodrams

Eine Untersuchung zur Verwendung und Adaption melodramatischer Strukturelemente im Romandebüt Stendhals

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Laurentius Pop

Das französische Melodram stellt die erste Form populärer Erfolgsliteratur dar und ist im Zuge der Demokratisierung der französischen Theaterlandschaft nach der Revolution entstanden. Während die Bedeutung dieser Bühnengattung für das Schaffen so namhafter Autoren wie Balzac, Hugo oder Flaubert hinreichend untersucht ist, wurde bisher dem Einfluss dieser Gattung auf Stendhal kaum Beachtung geschenkt. Die Arbeit schließt diese Forschungslücke. Dabei wird das Melodram als Prototyp populärer Literaturproduktion bestimmt. In einem ersten Schritt werden zunächst jene Stellen im Gesamtwerk Stendhals zusammengetragen, in denen sich dieser zum Melodram äußert. Bei dem zur Hauptanalyse gewählten Roman handelt es sich um das literarische Debüt des Autors, dem eine fast zwanzigjährige theoretische Beschäftigung mit der Literatur, bei der auch das Melodram eine wichtige Rolle spielte, vorausgeht. So stellt Armance diejenige Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis dar, an der sich Adaptionen und Analogien zum Melodram wie in keinem anderen Roman Stendhals nachweisen lassen.

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1. Einleitung 9

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1. Einleitung Die Bezeichnung Melodram steht heute immer noch als Sammelbegriff für ver- schiedene Kunstformen aus unterschiedlichen Zeitepochen und Disziplinen. So versteht die alltagssprachliche Verwendung unter Melodram etwas anderes als die Filmwissenschaft, die Literatur- etwas anderes als die Musikwissenschaft. In der Filmbranche und der begleitenden Presse (etwa in Fernsehprogramm- Zeitschriften) hat sich der Begriff „Melodram“ längst zur Bezeichnung gefühls- beladener Spielfilme festgesetzt, die voller Pathos Personen und Handlung den Kategorien Gut oder Böse unterwerfen und die evozierte Bilderwelt mit beglei- tender Rührmusik kolorieren. Dass diese produktionsästhetischen Kategorien aus dem populären Bühnenmelodram übernommen wurden, ist dabei heute längst in Vergessenheit geraten.1 Für den Musikwissenschaftler wiederum geht der Begriff des Melodrams auf das 1770 entstandene, Musik und Sprache zusammenbringende Drama Pyg- malion von Jean Jacques Rousseau zurück, und er verbindet mit diesem Begriff nicht eine bestimmte Textform oder Emotionsempfindung, sondern der Aus- druck Melodram bezeichnet in der Musik im allgemeinen die „gleichzeitige oder abwechselnde Verknüpfung von Sprechstimme und Musik in Singspiel, Oper, Schauspiel oder Ballade“2. Um die unterschiedliche Verwendung des Begriffs in der Musik- und der Literaturwissenschaft kenntlich zu machen, hat J. van der Veen eine Differenzierung in mélodrame musical und mélodrame littéraire vor- geschlagen.3 Richerdt differenziert diese beiden Phänotypen des Melodrams noch zeitlich, indem er das musikalische Melodram schwerpunktmäßig vor 1800, das literarische danach verortet.4 Sofern nicht anders angegeben, soll hier mit Melodram immer die literarische Sub-Gattung gemeint sein. Als bekanntester Vertreter und...

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