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«Armance» und die Ästhetik des Melodrams

Eine Untersuchung zur Verwendung und Adaption melodramatischer Strukturelemente im Romandebüt Stendhals

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Laurentius Pop

Das französische Melodram stellt die erste Form populärer Erfolgsliteratur dar und ist im Zuge der Demokratisierung der französischen Theaterlandschaft nach der Revolution entstanden. Während die Bedeutung dieser Bühnengattung für das Schaffen so namhafter Autoren wie Balzac, Hugo oder Flaubert hinreichend untersucht ist, wurde bisher dem Einfluss dieser Gattung auf Stendhal kaum Beachtung geschenkt. Die Arbeit schließt diese Forschungslücke. Dabei wird das Melodram als Prototyp populärer Literaturproduktion bestimmt. In einem ersten Schritt werden zunächst jene Stellen im Gesamtwerk Stendhals zusammengetragen, in denen sich dieser zum Melodram äußert. Bei dem zur Hauptanalyse gewählten Roman handelt es sich um das literarische Debüt des Autors, dem eine fast zwanzigjährige theoretische Beschäftigung mit der Literatur, bei der auch das Melodram eine wichtige Rolle spielte, vorausgeht. So stellt Armance diejenige Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis dar, an der sich Adaptionen und Analogien zum Melodram wie in keinem anderen Roman Stendhals nachweisen lassen.

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Zusammenfasssung der Ergebnisse 255

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Zusammenfasssung der Ergebnisse Die melodramatische Erzählweise verfolgt den Zweck, die emotionale Affiktion zu steigern und ein auf Gegensätzlichkeiten bauendes Weltbild zu konturieren, das den Leser zur gefühlsmäßigen Parteiergreifung zwingt. Indem dieser den „Nachvollzug turmhoher Leidenschaften, abgrundtiefer Ängste und erbarmungs- los ausgreifender Mitleidsgefühle“ erbringen muss, ergibt sich die Lust am me- lodramatischen Traumbild und an starken Emotionszuständen, „die keinen ge- sellschaftlichen Kontrollerwartungen standhalten müssen und deshalb auch nur unvollkommen in unsere Sozialisationserfahrung integrierbar sind.“1492 Im Me- lodram kann sich die Phantasie von Affektkontrolle und lebensweltlicher Ver- antwortung freimachen, wodurch sich das verpflichtungsfreie ich einerseits all- mächtig und mit totaler Handlungsfreiheit ausgestattet fühlen darf, andererseits in einen quälend-süßen Zustand der Ohnmacht fällt, sobald die „böse“ Außen- wel Mme de Malivert auf den eindimensionalen Han t ihn bedroht. Durch seine Struktur bietet das Melodram die Möglichkeit, beide Arten des Genusses der Allmacht und der Ohnmacht auszukosten, und stellt ein Ablassventil, indem es ein Abgleiten in Phantasiewelten ermöglicht, dar. Da im Melodram die Emotionen der Helden nur an der Oberfläche darge- stellt werden und auf eine Introspektion verzichtet wird, zieht Peter Brooks es vor, statt von einer „psychology of melodrama“ von einem „melodrama of psy- chology“1493 zu sprechen. Die emotionalen Zustände des Subjekts werden als ergreifendes Spektakel inszeniert. Dabei wirken die schnellen Stimmungs- und Szenenwechsel so, als ob die Figuren unter einer extremen Anspannung leiden würden, die sich an der erzählerischen Oberfl...

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