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Der Westliche Balkan zwischen Marginalisierung und EU-Integration

Historische, kulturelle und politische Perspektiven

Edited By Julia Kowalski and Tobias Schneider

Unter dem Begriff des Westlichen Balkans werden heute die Länder des ehemaligen Jugoslawiens (Kroatien, Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Mazedonien und Kosovo) sowie Albanien zusammengefasst. Trotz der fortschreitenden Annährung dieser Länder an die Europäische Union ist das Wissen über die Region meist nur schwach ausgeprägt, oft dominieren Vorurteile das Bild. Der Sammelband spannt thematisch und zeitlich einen weiten Bogen. Die von anerkannten Experten verfassten Beiträge befassen sich aus historischer, kultureller und politischer Perspektive mit dem Westlichen Balkan und vermitteln so nicht nur ein umfassendes Bild dieser Region, sondern fördern auch das Verständnis für eine der faszinierendsten Gegenden Europas.

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Christian Voss - Sprachpolitik und Europäizität auf dem postjugoslawischen Westbalkan 127

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127 Christian Voß Sprachpolitik und Europäizität auf dem postjugoslawischen Westbalkan Im 19. Jahrhundert haben sich auch auf dem Balkan Nationen erfunden, und zwar in einem unilateralen Rezeptionsprozess vor allem des deutschen Nati- onsmodells. In Anlehnung an Herder wird Sprache als Voraussetzung zur Bil- dung und Formung eines Volkes angesehen und ihre Bewahrungs- und Erneue- rungsfunktion betont.1 Sprachnationalismus meint die Formel „wir sind die, die immer schon diese Sprache gesprochen haben und sprechen werden“. Diese Ideologie erstarkt mit dem Gültigkeitsverlust der überkommenen, kanonischen Sinnwelten des osmanischen Reichs (etwa dem millet-Raster), sie macht Spra- che zum Medium der identitätsstiftenden Meistererzählungen, die so zum kol- lektiven Gedächtnis der nationalen Gruppe wird. Aus einem anderen Grund spielt Sprache im 19. Jahrhundert eine dominantere Rolle als etwa bei den Tschechen und Polen: Während diese mit gefestigten Standardsprachmodellen in die Periode des nationalen Antagonismus einstei- gen, so stellt das südslawische Dialektkontinuum zu diesem Zeitpunkt noch ein weitgehend formbares Fluidum dar, um dessen kulturelle Hegemonie zwei Par- teien rivalisieren: Europa (damals in Form von Habsburg) und Russland. Das Modell der noch staatenlosen deutschen Kulturnation ist für die christli- chen Nationalstaaten Griechenland, Serbien und Bulgarien im Kontext des zer- fallenden Osmanenreichs attraktiv, da hiermit Großraumträume legitimiert werden können, die nach kulturell-sprachlichen Grenzen gezogen werden. Die primordiale Logik des Sprachnationalismus hat ein Mönch auf Berg Athos im Jahr 1762 auf den Punkt gebracht: Als Prototyp der südosteuropäischen Wie- dergeburten ruft Paisij Chilendarski: „Narode, znaj...

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