Show Less

Von «liederlichen Land-Läuffern» zum «asiatischen Volk»

Die Repräsentation der ‘Zigeuner’ in deutschsprachigen Lexika und Enzyklopädien zwischen 1700 und 1850- Eine wissensgeschichtliche Untersuchung

Series:

Vera Kallenberg

Die Kategorie ‘Zigeuner’ der deutschsprachigen Enzyklopädien vor 1780 war vorwiegend eine Sammelbezeichnung. Sie diente dazu, unterschiedliche Gruppen von sogenannten «freiwilligen Vaganten», die man als besonders kriminell und die Sicherheit gefährdend etikettierte, zu erfassen. Vor dem Hintergrund des humanwissenschaftlichen Paradigmenwechsels um 1800 wurde in der «Sattelzeit» aus der primär sozialen eine ethnische Kategorie. Im Ergebnis wurden ‘Zigeuner’, in Rekurs auf die vergleichende Sprachwissenschaft und die Berichte englischer Missionsgesellschaften, als der ‘innere Orient’ des ‘zivilisierten Europas’ konstituiert. Diese diskursanalytische Arbeit leistet eine Re- und Dekonstruktion enzyklopädischer Wissensproduktion zu ‘Zigeunern’ zwischen 1700 und 1850. Sie sieht sich damit als Beitrag zu den gegenwärtigen Debatten in den Geschichts- und Kulturwissenschaften um Gedächtnis und Erinnerung, die auf eine kritische Reflexion von Entwicklungen «langer Dauer» zielen.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

FAZIT: Lexikalisches 'Wissen' über 'Zigeuner' (1700 – 1850) 131

Extract

Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück. Karl Kraus, Die Fackel FAZIT: Lexikalisches 'Wissen' über 'Zigeuner' (1700 – 1850) Die Kategorie 'Zigeuner' der deutschsprachigen lexikalischen Nachschlagewerke vor 1780 war vorwiegend eine Sammelbezeichnung, mit der unterschiedliche Grup- pen von sog. "freiwilligen Vaganten", die man als besonders kriminell und die Si- cherheit gefährdend etikettierte, erfasst werden sollten. In der "Sattelzeit" um 1800 wurde, ausgelöst durch den humanwissenschaftlichen Paradigmenwechsel sowie in Rekurs auf die vergleichende Sprachwissenschaft und die Berichte englischer Missi- onsgesellschaften, aus der primär sozialen eine ethnische Kategorie. Im Ergebnis wurden 'Zigeuner' als der 'innere Orient' des 'zivilisierten' 'Europas' konstituiert. Dabei zeigte die Analyse, dass die Kategorie 'Zigeuner' synchron wie diachron in Abgrenzung und in Interaktion mit anderen (Differenz-)kategorien konstituiert wurde. Im ersten Untersuchungszeitraum handelte es dabei einmal um die Profilierung der Kategorie 'Zigeuner' gegenüber der Kategorie des 'reichsinternen' 'ehrbaren' umherziehenden Bettlers bzw. 'notwendigen' Vagabunden, d.h. 'schuldlos' in Ar- mut geratenen Vaganten. Zum anderen ging es darum, die 'Zigeuner' gegenüber 'reichsinternen' 'Fremden' (Juden) und 'externen' 'Fremden' (im Familienverband herumziehenden 'Ägyptern') abzugrenzen. In den 1780ern setzte sich in den enzy- klopädischen Texten die Klassifikation der 'Zigeuner' als 'Volk' durch. Dennoch re- ferierten die lexikalischen Texte der Übergangszeit (Jäger 1784) sowie die traditi- onsbewussten katholischen Enzyklopädien wie die Manz'sche Enzyklopädie noch in den 1840er Jahren das 'Wissen' der frühneuzeitlichen Gelehrten über Herkunft und 'Charakter' der 'Zigeuner', das damit im lexikalischen Diskurs gehalten wurde und den (unausgesprochenen) Subtext...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.