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Postkommunismus und verordneter Nationalismus

Gedächtnis, Gewalt und Geschichtspolitik im nördlichen Schwarzmeergebiet

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Dittmar Schorkowitz

Seit dem Systemwechsel in Osteuropa werden Vergangenheitsbilder, sprachliche Zuordnung und Konfessionszugehörigkeit zum Ausbau der Herrschaft nationaler Eliten benutzt. Dieser Prozeß beinhaltet die Ersetzung der kommunistischen Ideologie durch ethnonationale Identitäten und
die Überformung der territorial-administrativen Umgestaltung durch die Renaissance der nationalen Idee. Mögen die Auswirkungen dieser Transformation in den postsozialistischen Ländern auch regional unterschiedlich sein, so ist der Entwicklung doch gemein, daß Konsens und Gemeinschaft seither im Zuge einer Abgrenzung entsteht, die das Eigene dem Anderen gegenüberstellt und dabei auf Feindbilder zurückgreift. Dieses Buch will daher das Verhältnis von Nationsbildung, Geschichtspolitik und Eskalationsdynamik erhellen, um die Funktion einer historischen Sinnstiftung im Kontext nationalistischer Gewaltentfaltung für einen Teilbereich des östlichen Europas aufzudecken.

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WORUM ES GEHT 11

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11 WORUM ES GEHT Seit dem Systemwechsel in Osteuropa werden vermehrt Vergangenheitsbilder, sprachliche Zuordnung und Konfessionszugehörigkeit zum Ausbau der Herr- schaft nationaler Eliten benutzt. Dieser seit 1989 laufende Prozeß beinhaltet die Ersetzung der kommunistischen Ideologie durch ethnonationale Identitäten und die Überformung der territorial-administrativen Umgestaltung durch die Renais- sance der nationalen Idee. Mögen die Auswirkungen dieser Transformation in den postsozialistischen Ländern auch regional unterschiedlich sein, so ist der Entwicklung doch gemein, daß Konsens und Gemeinschaft seither im Zuge ei- ner historisierenden Abgrenzung mittels Inklusion und Exklusion entsteht, die das Eigene dem ethnisch-konfessionell-geographisch Anderen gegenüberstellt und dabei auf Feindbilder zurückgreift. Diese postkommunistische Konstruktion nationaler Räume drückt sich in Prozessen aus, die zwischen und innerhalb der ostslawischen Staaten (Rußland, Weißrußland, Ukraine) in anderer Weise geregelt sind, als beispielsweise in den Verhältnissen Rußlands zu Estland, Moldova oder Georgien. In der Schwarz- meerregion scheinen mit dem schwindenden Zugriff Rußlands auf seine Peri- pherie dabei ältere, osmanischer und teilweise noch mittelalterlicher Zeit ent- stammende Ordnungsstrukturen wieder an Bedeutung zu gewinnen. Diese Revi- talisierung des circumpontischen Raumes ist sichtbarer Ausdruck einer neuen Regionalbestimmung geworden, die noch durch imperiale Rückzugsgefechte, aber schon durch den Aufbau transnationaler Organisationen aus Wirtschaft, Handel und Politik geprägt ist. Der ,Russische Faktor' wirkt indes nicht nur reaktiv. So entwickeln russisch- sprachige Bevölkerungsteile im ,nahen Ausland' neue ,corporate identities' mit der Potentialität zur Herausbildung ethnonationaler Gruppen, z.B. in Moldova (Transnistrien) und in der Ukraine (Krim), aber...

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