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Politische Philosophie eines modernen Idealismus

Ideologiekritik, Politikwissenschaft, Staatsdenken

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Wolfgang Caspart

Ein moderner Idealismus stützt sich auf den transzendentalen Charakter der wissenschaftlichen Axiomatik wie auf die indeterministischen Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften. Die Flucht in die Ideologie, Utopie oder Dogmatik hat nur derjenige nötig, welcher zur Transzendierung unfähig ist. Die Zusammenfassung und Einordnung der empirischen Theorien, Teilwerte und einzelreligiösen Bekenntnisse erfolgen durch ihre Überhöhung in den höchsten Ideen. Der Mangel an dem hierzu erforderlichen hermeneutischen Verständnis zwingt zu Ersatzvorstellungen in Form beliebig verabsolutierter empirischer Theorien oder Hypothesen, Teilwerte und konfessioneller Dogmen. Diese kommen nicht wissenschaftlich, sittlich oder göttlich geboten zustande, sondern werden willkürlich gesetzt. Der Realismus in der Lebensbewältigung bis hin zur Politik liegt in der gekonnten transzendentalen und ethischen Handhabung beschränkter Modelle.

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1. Teil Ideologiekritik 9

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11 1. TEIL IDEOLOGIEKRITIK 1.1 NATURWISSENSCHAFT UND IDEALISMUS Seit der Antike stehen sich zwei Verständnisweisen der Welt gegenüber: Idea- lismus und Materialismus. Die Entwicklungslinie des Idealismus geht von Sok- rates bzw. Platon über Augustinus zum deutschen Idealismus, die des Materia- lismus von Demokrit und den Sophisten (Diels und Kranz 1951/52) über die Nominalisten zum englischen Empirismus und französischen Rationalismus. Der Idealismus steht für Holismus (Ganzheitlichkeit), Willensfreiheit, Verant- wortungsethik, Geist und Metaphysik, der Materialismus für Atomismus, De- terminismus, Empirismus, Natur und Immanenz (Caspart 1987, S. 25-47). Mit der junghegelianischen Umkehr des absoluten Idealismus Hegels in den Materi- alismus (Tucker 1963) und dem Aufschwung vor allem der Ingenieurwissen- schaften und der Medizin schien um 1900 der Materialismus obsiegt zu haben. Dann trat ein naturwissenschaftlicher Umschwung ein, dessen gesellschaftliche Auswirkungen aber noch immer nicht völlig rezepiert worden sind. AM ENDE DES MATERIALISMUS Die vom Materialismus ignorierte Revolution in der Physik hat sich mittlerweile auf die Naturwissenschaften insgesamt ausgedehnt, wurde aber sozialwissen- schaftlich verschlafen (Caspart 1991, S. 41). gebranntes Kind scheute Sun Yat- sen den Konfuzianismus (schließlich fiel er dreimal nacheinander bei der ersten traditionellen Gelehrtenprüfung durch, Gregory 1951) und erhob das „dreifache Volksprinzip“ auf den Thron: Nationalismus, Demokratie und Volkswohl, eine Art chinesischen Sozialismus (Franz-Willing 1975). Die Sozialdemokraten in Deutschland und in Österreich orientierten sich am „Wissenschaftlichen Sozia- lismus“, wie die russischen, ungarischen und bayerischen Räte im Namen des Marxismus ihre Herrschaft errichteten. Mustafa Kemal Atatürk unterwarf die ehemalige islamische Vormacht einer radikalen...

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