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Kommentare

Interdisziplinäre Perspektiven auf eine wissenschaftliche Praxis

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Edited By Thomas Wabel and Michael Weichenhan

Texte, die zu den geistigen Grundlagen einer Gesellschaft gehören, mögen heute nicht mehr oft gelesen werden, aber sie werden kommentiert. Längst scheint es, als sei der Kommentar an die Stelle des Textes getreten. Kommentierung gehört zur Grundlage geisteswissenschaftlichen Arbeitens. Die Beiträge dieses Bandes reflektieren die eigene wissenschaftliche Praxis des Kommentierens aus der Sicht von Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft und Religionswissenschaft. Die interdisziplinäre Verständigung über diese Praxis gibt zugleich Hinweise auf die gesellschaftlichen und kulturellen Vollzüge, in denen sich Kommentierung als Aktualisierung fundierender Texte ereignet.

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DerKoran–einKommentarohneText? 127

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DerKoran–einKommentarohneText? CATHERINAWENZEL 1.FranzRosenzweigalsAnlass MeinTitelDerKoran–einKommentarohneText?istdurchFranzRosenz weigsÜberlegungenzumIslam inDerSternderErlösungveranlasst.Er schreibtdort: „Muhamed hat denGedanken derOffenbarung vorgefunden und über nommen,wieman ein Vorgefundenes übernimmt, nämlich ohne es aus seinen Voraussetzungen zu erzeugen. Der Koran ist ein ‚Talmud’, dem keine‚Schrift’,ein‚Neues’Testament,demkein‚Altes’zugrundeliegt.[...] [D]erKoran ist einWunder in sich selbst, [...]während sowohl der Tal mudwiedasNeueTestamentihregöttlicheHerkunfttheoretischbeglau bigendurchdenZusammenhangmitdem‚AltenTestament’,derTalmud durch die behauptete durchgängige logische Ableitbarkeit daraus, das Neue Testament durch den behaupteten durchgängigen historischenEr füllungscharakterihmgegenüber.“1 FranzRosenzweig qualifiziert das koranischeOffenbarungskonzept als religiösalso ‚heidnisch‘und ‚weltfromm‘,weileskeine innereUmkehr fordert,sondernlediglichdieErgebnissederVorgängeralsDogmarezi piert.ImIslam,soargumentiertRosenzweig,gehteswieineinempan theistischen System um die Aufhebung der Trennung von Welt und Gott,diedazu führt,dassentwederdasGöttliche inderWeltoderdas Weltliche inGott verschwindet.Hier kannmanRosenzweigsNähe zu HegelinderDeutungdesIslamssehen.2SeinBegriffderReligionistne gativaufgeladen,undfungiertquasialsdasGegenteilzurOffenbarung.3 UndwiederHegelscheIdealismusstetsinRosenzweigsDenkenpräsent 1 F.Rosenzweig,F.,DerSternderErlösung,Frankfurt/M.1988,129. 2 Vgl. Y. Schwartz, Die entfremdete Nähe. Rosenzweiges Blick auf den Islam, in: F.Rosenzweig, ‚InnerlichbleibtdieWelteine’.AusgewählteSchriftenzumIs lam,hgg.,eingeleitetundmiteinemNachwortvonG.PalmerundY.Schwartz, Berlin2003,122.Vgl.G.W.F.Hegel,VorlesungenüberdieÄsthetikI,in:Werkein 20Bänden,Frankfurt/M.1970,XIII,415. 3 Vgl.F.Rosenzweig,‚InnerlichbleibtdieWelteine’,102. 128CatherinaWenzel ist,behandeltaucherdenIslamwieHegelalsdasAndere,dasFremde, demersichdennochzugleichnahfühlt.4ObwohlRosenzweigwährend desErstenWeltkriegs inMazedonien stationiertwarundsichdortmit demIslambeschäftigte,5mussmanseineArgumentevorallemimKon text seiner religionsphilosophischen Auseinandersetzungmit demHe gelschen Idealismus und dem protestantischen Christentum zu verste hensuchen.Soschreibterz.B.: „IndemalsoMuhameddieBegriffederOffenbarungäußerlichübernahm, blieb er in den Grundbegriffen der Schöpfung mit Notwendigkeit am Heidentumkleben“.6 ImSystemvonDerSternderErlösunghatderIslamjedenfallszumeistdie FunktionderNegationzuerfüllen. DassFranzRosenzweigdamitdemKorannichtgerechtwirdundwahr scheinlich auch gar nicht gerecht werden möchte, ist das eine. Dasandereist–unddeswegensindseineÄußerungenfürmichinteres sant–,dassinletzterZeitsowohlIslamwissenschaftler,alsauchmusli mische Gelehrte das Textsein des Korans zur Disposition stellen, obg...

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