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Wörter für die Katz?

Martin Walser im Kontext der Literatur nach 1945

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Edited By Miriam Seidler

Martin Walser ist ein unbequemer Autor. Diese Eigenschaft kam in den letzten Jahren vor allem in der Walser-Bubis-Debatte um die Erinnerung an den Holocaust und in seiner Abrechnung mit der Literaturkritik in dem Roman Tod eines Kritikers zum Ausdruck. Dass Martin Walser seine literarische Produktion durch eine intensive Beschäftigung mit dem Werk von Kollegen und die theoretische Auseinandersetzung mit Gattungsfragen begleitet, ist kaum bekannt. Der Sammelband geht dieser unbekannten Seite des Autors nach und zeigt Facetten der kritischen Auseinandersetzung in seinem Werk auf.

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HENRIETTE HERWIG: „Es gibt das Paradies: Zwei für einander. Es gibt die Hölle: Einer fehlt.“ Martin Walsers "Ein liebender Mann"

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HENRIETTE HERWIG „Es gibt das Paradies: Zwei für einander. Es gibt die Hölle: Einer fehlt.“ Martin Walsers Ein liebender Mann „Alte! das ist keine andere Sorte Mensch. Alte wollen, was Jüngere wollen. Kriegen’s nur nicht.“1 Diese Zurückweisung von Alter als Differenzkategorie in der Selbstwahrnehmung der Alten lässt Walser eine Goethe-Figur schon in seinem Eckermann-Stück vornehmen. Dieses Stück, In Goethes Hand (1982), war eine kritische Abrechnung Walsers mit Goethe als Arbeitgeber. 2008 erschien in hoher Auflage Martin Walsers zweite literarische Annäherung an den Weimarer Dichter, sein Goethe-Roman Ein liebender Mann2. Diesmal gilt sein Interesse nicht dem Chef einer ›Literaturfirma‹, sondern dem alten und im Alter unglücklich liebenden Mann. Und wenn der von ihm entworfene alte Dichter von der Figur der jungen Geliebten mit „Exzellenz“ (LM 17 u. häufiger) angeredet wird, klingt das wie Hohn, weil alle „Exzellenz“ – im staats- männischen wie im künstlerischen Sinn – ihm nichts nützt angesichts der Ohn- macht des Alters vor der Jugend. Wie der historische Goethe in dem für ihn ver- hängnisvollen Marienbader Sommer von 1823 ist Walsers Goethe knapp vier- undsiebzig, die von ihm begehrte Ulrike neunzehn! Da kann der berühmte Dichter seine Post noch so konzentriert vor den Augen der Geliebten lesen und Antwortbriefe in Hofzeremoniensprache diktieren, als Mann kommt er für die Frau, der er damit seine Bedeutung demonstrieren will, nicht mehr in Betracht. Es nutzt nichts, mit dem Pfund seiner Berühmtheit wuchern zu wollen,...

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