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Interkulturelle Kommunikation im Asylverfahren

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Martina Rienzner

Asylwerber müssen im Laufe eines Asylverfahrens ihre Erlebnisse wiederholt Beamten erzählen, denen der Herkunftskontext der Antragsteller überwiegend fremd ist. Wie gehen die beteiligten Akteure in diesem Setting mit kultureller Differenz um? Dieser Frage nachgehend, hat die Autorin von 2008 bis 2010 Verhandlungen am Unabhängigen Bundesasylsenat und Asylgerichtshof in Wien teilnehmend beobachtet und qualitative Interviews geführt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass den Akteuren unterschiedliche sprachliche Mittel zur Verfügung stehen, um interkulturelle Missverständnisse zu vermeiden und gegenseitiges Verstehen herstellen zu können. Verständnissicherndes Handeln wird aber oft durch die vorzunehmende Glaubwürdigkeitsprüfung und die Asymmetrie zwischen den Beteiligten verhindert.

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4. Kulturelle Differenz überbrücken – Rahmenbedingungen für verständnissicherndes Handeln 43

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43 4. Kulturelle Differenz überbrücken – Rahmenbedingungen für verständnissicherndes Handeln Je größer die kulturelle Differenz zwischen den an einer Kommunikations- situation beteiligten Personen ist, desto mehr an verständnissicherndem Handeln ist notwendig, damit Kommunikation gelingen und gegenseitiges Verstehen her- gestellt werden kann. Verstehen wird aus der Perspektive der - in Kapitel 2 be- sprochenen - sprachwissenschaftlichen Zugänge nicht ausschließlich als indivi- dueller mentaler Prozess betrachtet, sondern als ein Ergebnis von interaktivem Handeln in einem bestimmten Setting und Kontext. Zentral ist, dass in diesem Zusammenhang gegenseitiges Verstehen Teil eines situativ organisierten Inter- pretationsprozesses ist, der neben dem Verstehen stets auch die Beurteilung (judgment) und Bewertung (evaluation) des Gesagten sowie die Suche nach einer Erklärung für das Gesagte beinhaltet (vgl. Fairclough 2003, 11). Verstehen wird im Folgenden deshalb nicht als ein der Beobachtung entzogener subjektiver Prozess analysiert. Stattdessen gehe ich – angelehnt an ethnometho- dologische Arbeiten – davon aus, dass gegenseitiges Verstehen ein (zum Teil) beobachtbares Ergebnis kommunikativen Handelns ist. Mondada (2011) betont beispielsweise, dass InteraktionsteilnehmerInnen durch ihr verbales und non- verbales Handeln anzeigen, ob und wie sie etwas verstanden haben. Sie (ebd., 543) unterscheidet dabei nach Sacks zwischen Handlungen, in denen bean- sprucht (claiming) und anderen in denen demonstriert (demonstrating) wird, et- was verstanden zu haben. Beispielsweise kann durch die Wiederholung einer vorhergehenden Äußerung Verstehen beansprucht werden, durch eine passende Antwort auf eine Frage Verstehen hingegen demonstriert werden. Verstehen bzw. Nicht-Verstehen wird nach Mondada überwiegend durch die sequenzielle Organisation der Interaktion zum Ausdruck gebracht. Sie...

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