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Interkulturelle Kommunikation im Asylverfahren

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Martina Rienzner

Asylwerber müssen im Laufe eines Asylverfahrens ihre Erlebnisse wiederholt Beamten erzählen, denen der Herkunftskontext der Antragsteller überwiegend fremd ist. Wie gehen die beteiligten Akteure in diesem Setting mit kultureller Differenz um? Dieser Frage nachgehend, hat die Autorin von 2008 bis 2010 Verhandlungen am Unabhängigen Bundesasylsenat und Asylgerichtshof in Wien teilnehmend beobachtet und qualitative Interviews geführt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass den Akteuren unterschiedliche sprachliche Mittel zur Verfügung stehen, um interkulturelle Missverständnisse zu vermeiden und gegenseitiges Verstehen herstellen zu können. Verständnissicherndes Handeln wird aber oft durch die vorzunehmende Glaubwürdigkeitsprüfung und die Asymmetrie zwischen den Beteiligten verhindert.

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7. Zwischen Signifikation, Legitimation und Herrschaft: Der Umgang mit kultureller Differenz im Asylverfahren 97

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97 7. Zwischen Signifikation, Legitimation und Herrschaft: Der Umgang mit kultureller Differenz im Asylverfahren Die Funktion des Asylverfahrens ist es, den Zugang zu einer Gesellschaft auf le- gitime Art und Weise zu reglementieren. Der Anspruch, „faire“ Entscheidungen zu treffen, steht dabei im Spannungsverhältnis mit knappen Zeit- und Personal- ressourcen und dem öffentlichen Druck, möglichst schnell und effizient Ent- scheidungen herbeizuführen. In der Praxis führt dies dazu, dass die Erzählungen der AsylwerberInnen immer an denselben Kriterien gemessen und so in admi- nistrierbare „Fälle“ umgeformt werden. „Gehört“ werden in diesem Zusammen- hang überwiegend „nur“ als verfahrensrelevant beurteilte Argumente, Erklä- rungen und Einwände der AsylwerberInnen. AsylwerberInnen verfügen bei Eintritt in das Verfahren über eine große Dar- stellungsmacht und könnten potenziell kulturelle Differenz argumentativ zum Erreichen der eigenen Ziele einsetzen. Vermeintliche Widersprüche in ihren Aussagen wären durch die Berufung auf Bedeutungsunterschiede von Begriffen, sprachlich bedingte Missverständnisse oder die eigene Fremdheit im Verfahren erklärbar und die AsylwerberInnen wären so in der Lage die eigene Glaubwür- digkeit zu untermauern oder wieder herzustellen. Die AntragstellerInnen könn- ten zudem ihre kulturelle Identität strategisch einsetzen, um „Authentizität“ und „Wahrheit“ in bestimmten Wissensbereichen für sich zu beanspruchen. Für VerhandlungsleiterInnen birgt dies aber die Gefahr, einen Teil ihrer Auto- rität zu verlieren. „Nicht verifizierbaren“ Elementen der Aussagen der Asylwer- berInnen wird von Behördenseite großes Misstrauen entgegengebracht. Die in jedem Verfahren vorzunehmende Glaubwürdigkeitsprüfung wird...

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