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Bach-Interpretationen – Nationalsozialismus

Perspektivenwandel in der Rezeption Johann Sebastian Bachs

Eduard Mutschelknauss

In diesem Buch werden zentrale Verknüpfungen zwischen den Bach-Interpretationen und der NS-Ideologie untersucht. Die Detailschärfe basiert auf zahlreichen Originaldokumenten aus Archiven sowie auf literarischen Zeugnissen. Erstaunlicherweise reichen einige der relevanten Quellen bis weit vor die Zeit des NS-Regimes zurück. Der Autor zeichnet zudem nach, wie subtil einzelne Geschichtsmotive innerhalb der historischen Diskurse fortgeführt werden: Diese werden beibehalten, gebündelt, durch neue Inhalte ergänzt und verändert, sodann zunehmend ideologisch verdichtet. Die Reflexion der facettenreichen Bach-Geschichtsschreibung betritt neben den nationalen Deutungshorizonten das Feld noch heiklerer Aspekte, etwa der Rassenideologie oder des Antisemitismus, wie sie uns besonders um die Zeit des NS-Machtantritts und im Deutschen Reich unter Hitler in den literarischen Bach-Interpretationen begegnen.

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Teil 2 Kontextualisierung im Wandel

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250 251 I. Epochale Zuordnung und Ideologisierung Die epochale Zuordnung Bachs spielt im gegebenen Kontext an dem Punkt eine besondere Rolle, wo zum ästhetischen Erfassen seiner Musik eine ideologische Komponente hinzutritt, im Extrem eine politisch-ideologische. Es ist daher jetzt weniger um eine Justierung des Epochenverständnisses zu tun, sondern vielmehr um die Offenlegung derjenigen Spezifika, die im genannten Sinne die Bach- Geschichtsschreibung begleitet, wenn nicht streckenweise wesentlich konstituiert haben. Dabei handelt es sich um die Epochenbegriffe Barock und Gotik – beide kunstgeschichtlicher Provenienz –, die vornehmlich Relevanz erlangen. Mit ideologischen Implikationen behaftet ist primär das Bezugsfeld der Gotik. Dem ist jedoch vorauszuschicken, dass sich die Gotik in Form eines Epochenbegriffs innerhalb der Musikgeschichtsschreibung niemals als feste Größe etabliert hat und mit dem Status der kunsthistorisch betrachtet gleichwertigen Termini Re- naissance, Barock, Klassik und Romantik als eigenständiger musikalischer Epo- chenterminus nicht konkurrieren kann. Einen herausgehobenen Rang in der Bach-Geschichtsschreibung konnte diese neblige, ins Musikalische – das konkre- te Notenbeispiel – häufig nur mühsam transportierbare Epochenkategorie indes okkupieren und über rund zwei Jahrhunderte behaupten. Es sollen nun für den ausgespannten Kontext Eckpunkte, Anfänge und Ein- schnitte eines spezifischen Epochenverständnisses, das sich mit Bachs Namen verbindet, und ferner terminologische Verschränkungen fixiert werden, damit sich Besonderheiten einer Ästhetik abheben können, die eine Affinität zu der des NS-Staates aufweisen. Nur so kann Licht in ein teilweise undurchsichtiges Ge- webe und gleichzeitig kompliziertes Wechselspiel gebracht werden, das sich zwischen einer schemenhaft greifbaren Einflusssphäre und einem – nicht immer nach...

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