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Botschaften an die Nachwelt

Was Anne Frank und andere Jüdinnen in der Nazidiktatur ihrem Tage- oder Erinnerungsbuch anvertrauten

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Norbert Kluge

Welche Botschaften haben uns die von den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg verfolgten Jüdinnen hinterlassen? Sie wurden entweder in Tagebüchern vor Ort oder später nach der Befreiung in Erinnerungsbüchern als Vermächtnis für die Nachwelt notiert. In den einzelnen Kapiteln steht nicht so sehr der Zusammenhang von Liebe, Körperlichkeit und sexuellem Begehren im Blickpunkt der Ausführungen. Vielmehr ist der Ausgangspunkt der Darstellung die Gegenseite zwischenmenschlicher und liebender Zuwendung: den kollektiven Hass einer unmenschlich praktizierten Herrschaftsdoktrin an herausragenden Beispielen aufzuzeigen. Folgende Autorinnen wurden für ein erstes Resümee ausgewählt: die Deutsch-Niederländerin Anne Frank, die Französin Hélène Berr, die aus Böhmen stammende Eva Mändl Roubičková, die in Mähren geborene Ruth Elias, die in Bosnien-Herzegowina zur Welt gekommene Hanna Lévy-Hass und die Litauerin Mascha Rolnikaite.

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5. Leidgeprüfte Botschaften

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Anne Frank zeigt indirekt durch ihre Lebensweise im Verborgenen, dass auch ein stark eingeschränkter Alltag lebenswert bleibt und die Zukunftsperspektiven weiter Bestand haben. So hebt sie immer wieder in ihren Aufzeichnungen her- vor, dass sie nach dem Krieg Journalistin und/oder Schriftstellerin werden möchte. Denn „ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod. Und darum bin ich Gott so dankbar, dass er mir bei meiner Geburt schon eine Möglichkeit mit- gegeben hat, mich zu entwickeln und zu schreiben, also alles auszudrücken, was in mir ist“. Und sie fährt nicht ohne Skepsis fort: „Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Jour- nalistin und Schriftstellerin werden?“ (Frank 2002, S. 238). Wie wir heute wis- sen, reichte die Veröffentlichung ihres Tagebuchs aus, um die hypothetisch ge- stellte Frage der berühmt gewordenen Jugendlichen positiv zu beantworten. Die junge Jüdin schrieb das Tagebuch zuerst für sich selbst, um ihm vor allem ihre zutiefst bewegenden Gedanken anzuvertrauen und sich dadurch emotional zu entlasten. Schließlich wurde sie durch die Rede eines Politikers im Exil ange- regt, ihr Manuskript umzuarbeiten, um es gleichsam als Beleg für das erlittene Unrecht durch die Nazis zu publizieren. Ebenso wie bei Anne Frank hatte das Tagebuch-Schreiben bei Hélène Berr zun...

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