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Funktion und Bedeutung von Erinnerung im erzählerischen Werk Johannes Urzidils

«... ganz und gar erfunden, aber aus einer Wirklichkeit»

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Anja Bischof

In der literaturwissenschaftlichen Forschung gilt Johannes Urzidil als Schriftsteller der Erinnerung, der das untergegangene Prag vor den Augen seiner Leser neu erstehen lässt. In dem nicht unerheblichen Teil seines erzählerischen Werks, der die US-amerikanische Lebenswelt als Handlungsort thematisiert, wurde der Aspekt der Erinnerung bislang außer Acht gelassen. Diese Arbeit vergleicht Prager/böhmische und US-amerikanische Erzählwelt, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den auf den ersten Blick divergierenden Handlungsorten herauszuarbeiten. Der Fokus liegt dabei auf dem Konzept des Erinnerns: Geht ein Bruch durch das erzählerische Werk Urzidils, oder lässt sich die Erinnerung vielmehr als übergeordnetes Konzept des Urzidilschen Schreibens charakterisieren?

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1. Johannes Urzidil: Versuch einer annäherung an einen fast vergessenen Autor

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Johannes Urzidil wurde am 03. Februar 1896 als Sohn eines deutschböhmischen Eisenbahningenieurs und einer tschechisch-jüdischen Mutter geboren, die sieben Kinder mit in die Ehe gebracht hatte. Die Mutter starb bereits im Jahre 1900. Den Tod der Mutter verarbeitete Urzidil in seiner Erzählung Spiele und Tränen, in der ein kleiner Junge seine Spielkameradin nach einer schweren Krankheit verliert: „Er wußte, daß es ein Fortgehen gibt für immer. Er kannte den Platz, wo seine Mut- ter unter der Erde lag. Einmal im Monat, am Sonntagnachmittag, ging er mit dem Vater hin spazieren. Auf dem Hügel war Rasen, Goldlack und Levkojen, und ein breiter Fliederstrauch schattete darüber. Es fiel ihm auch manches Mal die Nacht ein, in der ihn der Vater aus seinem Gitterbett gehoben und in ein milde erleuchtetes Zimmer getragen hatte. Und er sah ihn, die Arme auf das Klavier gestützt, das Ge- sicht abgewandt und nach dem Fenster zu gerichtet, hinter dem der Morgen fahl auf- stieg. Er konnte noch gewisse Gegenstände in jenem Zimmer deutlich unterschei- den, einen breiten, leeren Lehnstuhl, eine Vase mit Blumen, einen Tisch mit Fläsch- chen und Gläsern. Und er fühlte ein Streicheln auf seiner Stirn“ (VG S. 33-34). Der Vater heiratete bald eine tschechische Nationalistin, die als lieblose und verhasste „Stief“ in Urzidils erzählerischem Werk verewigt wurde. Bereits hier lässt sich erkennen, was Urzidil später als „hinternational“ bezeichnete: Das fa- miliäre Umfeld Urzidils spiegelte die böhmische...

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