Show Less

Funktion und Bedeutung von Erinnerung im erzählerischen Werk Johannes Urzidils

«... ganz und gar erfunden, aber aus einer Wirklichkeit»

Series:

Anja Bischof

In der literaturwissenschaftlichen Forschung gilt Johannes Urzidil als Schriftsteller der Erinnerung, der das untergegangene Prag vor den Augen seiner Leser neu erstehen lässt. In dem nicht unerheblichen Teil seines erzählerischen Werks, der die US-amerikanische Lebenswelt als Handlungsort thematisiert, wurde der Aspekt der Erinnerung bislang außer Acht gelassen. Diese Arbeit vergleicht Prager/böhmische und US-amerikanische Erzählwelt, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den auf den ersten Blick divergierenden Handlungsorten herauszuarbeiten. Der Fokus liegt dabei auf dem Konzept des Erinnerns: Geht ein Bruch durch das erzählerische Werk Urzidils, oder lässt sich die Erinnerung vielmehr als übergeordnetes Konzept des Urzidilschen Schreibens charakterisieren?

Prices

Show Summary Details
Restricted access

5. Alte und Neue Welt – erzählerische Sphären des Johannes Urzidil

Extract

Wie viele Schriftsteller im Exil war Johannes Urzidil in der Situation, sein Le- ben in zwei verschiedene Erfahrungswelten einordnen zu müssen: Die Welt vor dem Nationalsozialismus, in deren geistiger Tradition er sozialisiert wurde, das ‚alte Europa’, und die neue Lebenswelt des Exillandes, in die er nach der Erfah- rung von Flucht und Vertreibung hinein geworfen wurde. Prag, für Urzidil Inbe- griff des „zivilen Europa[s]“277, blieb auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs unwiderruflich verloren, nicht nur durch die kommunistische Abschottung, die eine Rückkehr in die Heimatstadt verunmöglichte, sondern durch die Unmög- lichkeit schlechthin, in eine Welt zurück zu kehren, deren Veränderung durch den Einschnitt des Nationalsozialismus so umfassend war, dass sie mit der ur- sprünglichen Lebenswelt nichts mehr gemein hatte. Der in Brünn geborene Schriftsteller Oskar Jellinek (1886-1949), der 1938 über Paris in die USA geflo- hen war, besuchte seine Heimatstadt nach dem Krieg noch einmal – und wurde mit einer Fremdheit konfrontiert, die ihm die Unmöglichkeit einer Heimkehr verdeutlichte: „Kannst Du Dir vorstellen, dass man durch die Stadt geht – aber man geht gar nicht mehr durch sie, wenngleich man sich zweckmäßig bewegt – und man steht an einer einst vertrauten Straßenkreuzung, auf einem einst teueren Platz, vor einer einst kost- baren Muttergottes in einer Nische, an einem einst geliebten Rasenfleck im Geviert einst beglückend innig-alter Häuser – und Du hast Heimweh nach ebendieser Kreu- zung, ebendiesem Platze, ebendieser Madonna, ebendiesem Rasenstück, die phy- sisch greifbar und...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.